Time Out

Kulturtipps

Kulturtipps Januar 2012

Liebe Freunde von Kalliope, Thalia, Melpomene usw.,

heute vorab mal ein Filmtipp: Alle sind ja ganz aufgeregt, weil ausgerechnet ein französischer Schwarzweiß-Stummfilm in Hollywood auf Erfolgskurs ist. Neben der Tatsache, dass The Artist eine tolle Dramaturgie besitzt und wie "Singin' in the Rain" 1952 einen epochalen Wendepunkt in der Filmgeschichte schildert (allerdings nicht denunziatorisch, sondern mit altersweiser Melancholie), hat mich berührt, wie zärtlich die Regie die expressionistischen Mittel der Stummfilmklassiker mit der Ästhetik heutiger Arthouse-Filme abgleicht. Die Gesten sind eben nicht zu groß, sondern nur ungeheuer präzise, und die Gesichter von Jean Dujardin und Bérénice Bejo brennen sich deshalb so ein, weil sie selbst lebende Bilder voller Schattierungen sind.

Auch das Theaterjahr 2012 hat erfreulich begonnen: Zum Beispiel mit René Pollesch, der in Kill Your Darlings an der Volksbühne eine neue Leichtigkeit erreicht hat: Liebe, wohin das Auge blickt (etwa zwischen Fabian Hinrichs und dem Artistenchor). Eine melancholische Leichtigkeit liegt über dem Abend, der eine große (Publikums-)Umarmung ist und einen glücklich wieder ausspuckt.

Die KollegInnen fanden den Abend zumeist etwas flach, ich aber habe Die schmutzigen Hände am Deutschen Theater sehr genossen. Wenn man den Sartre liest, verschluckt man sich fast vor Staub. Jette Steckel aber erzählt eine ebenso witzige wie spannende Geschichte, legt behutsam den Kernkonflikt frei und verneigt sich ansonsten vor ihren großartigen Schauspielern: Ulrich Matthes, Katharina Marie Schubert, Ole Lagerpusch et al.

Schon im Herbst hatte Before your very eyes Premiere im HAU, jetzt war die Gob-Squad-Produktion beim Touren durch die Welt kurz zu Hause und kommt hoffentlich noch einmal wieder. Denn die sieben belgischen Kinder, die auf der Bühne in einem Glaskubus versammelt sind und sich selbst in verschiedenen Lebensstufen spielen und - Videoprojektionen machen's möglich - sich selbst begegnen, stellen die Frage nach dem Sinn des Lebens so spielerisch berührend, dass man sich hinterher, kaum sind die Lachtränen getrocknet, beim tiefgründigen Weiterspinnen wiederfindet.

Ich komme ja viel zu selten zum Reisen, aber wenn ich's schaffe, dann lohnen sich meist auch die Theaterabstecher. Im Fall von Andrea Breths Zwischenfälle musste ich zwar nur bis ins Haus der Berliner Festspiele, wo das Wiener  Burgtheater gastierte. Aber wer zufällig mal in Wien ist: nichts wie hin! Im ersten Teil lacht man in diesen Sketchen nach Courteline, Cami, Charms und eigenen Einfällen auch mal unter Niveau, das zwischen Loriot und Didi Hallervorden pendelt. Nach der Pause aber, wenn plötzlich der Witz flieht und nur noch dessen Rückseite, die Brutalität, die Zähne fletscht, tut's schön weh. Außerdem ist der Abend mit Stars wie Johanna Wokalek, Corinna Kirchhoff, Hans-Michael Rehberg, Udo Samel und Peter Simonischek (die natürlich zum Vor-Spielen neigen, aber das können die) motivisch klug verzahnt.

Nicht nur ich, auch andere Berliner fahren gelegentlich nach Hannover, zum Beispiel Milan Peschel. An seine angeraute, hotnotkomische und düster endende Inszenierung von "Sein oder Nichtsein" (am Maxim Gorki Theater) kommt Aus dem bürgerlichen Heldenleben nicht heran, was in der Sache liegt: Mit dem Mammutabend stemmt er gleich drei Sternheim-Stücke um die Familie Maske, die sich vom Beamtenspießertum zu Großindustriellen und Waffengewinnlern kurz vorm Ersten Weltkrieg mausern. Das zu lesen lohnt sich, zu sehen auch. Anfangs klappern noch die Türen und Pointen, später aber zündet der Volksbühnen-Wahnwitz. Der ist zwar Geschmackssache, aber ich fand, das der gut zu Sternheim passte.

Zuletzt noch Nürnberg, wo ich eben gerade eine sehr schöne La traviata von Peter Konwitschny sah, der selbst die sonst eher chargierende Hrachuhí Bassénz zum Spielen brachte. Wahnsinnig, dicht, druckvoll, ein Hessenkessel der feist-gelangweilten Gesellschaft, die sich über ihre Außenseiter amüsiert. Und singen kann die Bassénz, dass einem das Herz zwickt.

Dort auch drei Ausstellungen, die Spaß machen: Encyklothek im Kunsthaus erfindet eine Wunderkammerkollektion nebst Sammler-Biographie, Gespenster, Magie und Zauber im Neuen Museum spukt zwischen Füssli-Nachtmaren und höheren Polke-Wesen herum (besonders schön der Hexentipp: Wenn sie ihm in die Schuhe pinkelt, wird er ihr verfallen - wer probiert's?) und die aktuelle Schau in der Oechsner Galerie zeigt aktuelle Werke ihrer Künstler, darunter ein paar von mir sehr geschätzter wie Thilo Westermann, Markus Putze und Olaf Unverzart.

Zum Vormerken: In Berlin sind jetzt wieder einige meiner vergangenen Highlights zu sehen. Im HAU gastieren im März Hate Radio, Testament von SheShePop und Life&Times Teil 2, die Volksbühne zeigt im Februar Marthalers +-0, Castorfs Spieler und Fritschs Die spanische Fliege, das Deutsche Theater Kinder der Sonne, Über Leben und Die heilige Johanna der Schlachthöfe, das Gorki Rocco und Sein oder Nichtsein, an der Schaubühne Hedda Gabler und Eugen Onegin. Wer sich da langweilt, dem ist nicht zu helfen.

Herzliche Grüße aus dem Auge des Kultursturms

Georg

PS: Übrigens kann man alle verpassten Kulturtipps auf meiner Homepage nachlesen.


←  Autor
Vita →

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung