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Kulturtipps

Kulturtipps Februar/März 2012

Liebe Freunde der hehren (und zuweilen auch enorm bodenständigen) Künste,

da bei mir gerade der Laden brummt, gehen die Kulturtipps für den Februar und März heute als Doppelnummer raus, bevor der April neue Schlagzeilen produziert. Übrigens: Gleich fünf der von mir an dieser Stelle gepriesenen Berliner Produktionen sind zum diesjährigen Theatertreffen im Mai eingeladen worden: Hate Radio und Before Your Very Eyes am HAU, John Gabriel Borkman, Die (s)panische Fliege und Kill Your Darlings an der Volksbühne. Bin ich jetzt Mainstream? Oder besitzt die aktuelle Theatertreffen-Jury einfach einen guten Geschmack?

Auch im Februar und März gab es ein paar sehenswerte Abende in Berlin und anderswo. Allen voran hat Herbert Fritsch mal wieder bewiesen, dass er keine (spanische) Eintagsfliege ist und (anders als zuletzt zum Beispiel in Hamburg) weit mehr kann als sich selbst recyceln. An der Volksbühne inszenierte er Dieter Roths dada-artiges Stück "Murmel" (das ist schon das einzige Wort, rhythmisch wiederholt) als Murmel Murmel. Was natürlich zur grandiosen Lachnummer wird: Fritsch zieht die spießigen 60er-TV-Formate ebenso durch den Kakao wie Ausdruckstanz und Modell-Catwalks, macht dabei aber zugleich große Kunst zwischen Slapstick und Gesichtsentgleisung. Wozu das alles? Ich weiß es auch nicht, aber ich finde, in einer schwankenden Welt ist die formvollendete Feier des Irrsinns zuweilen sich selbst genug.

Daneben gab es viele Abende, an denen man sicher irgendwas zum Mäkeln findet, die mir im Ganzen aber gefallen haben. Schön ist zum Beispiel Effi Briest am Maxim Gorki Theater: Jorinde Dröse erzählt die Geschichte ziemlich gradlinig und setzt ganz auf Anja Schneider. Als Göre vom Land, die sich plötzlich in einem Kaff wiederfindet und langweilt, dreht sie richtig auf. Die richtige Adresse also, um seine Schullektüre-Erlebnisse noch mal aufzufrischen.

Ebenfalls sehr hübsch und zugleich schwiegerelterntauglich ist Lutz Hübners Frau Müller muss weg am Grips Theater: Filmregisseur Sönke Wortmann lässt die Eltern in der Sprechstunde wie im Boxring aufeinander und die arme Lehrerin los. Schön böse und ein nuanciert gespielter Spaß auch für diejenigen, die keine eigenen Kids haben. Ist allerdings schon bis Saisonende ausverkauft.

Ich persönlich bin ja kein Freund von Roland Schimmelpfennings preisgekröntem Stück Der goldene Drache, weil es spätestens im Finale, als der ausgebeutete Chinese als Leiche zurück nach China treibt, überkonstruiert im Globalisierungskitsch versinkt. In der DT-Box drücken die UdK-Studierenden unter Brit Bartkowiaks Regie allerdings ordentlich aufs Tempo, was dem Ganzen gut bekommt. Wer also mal reinschnuppern will – besser als Schmimmelpfennigs eigene Uraufführung an der Wiener Burg ist das allemal.

Ziemlich umstritten war bei der Premiere Stephan Kimmigs Inszenierung von Tschechows Kirschgarten am Deutschen Theater. Ich allerdings mochte diesen rauen, unfertigen Abend, in dem Nina Hoss uneitel wie immer brilliert und wo die Melancholie, wenn sie überhaupt mal durchschimmert zwischen all dem handfesten Gepolter, mit Ironie gefedert wird. Eine Kapitalismus-Parabel ist das Stück hier, und auch wenn man das nicht so sehen muss und auch, wenn nicht alles gelungen ist: Ich finde, diese Lesart funktioniert.

Dann war ich mal wieder auf Reisen: In München habe ich an den Kammerspielen Et la nave va gesehen nach Fellinis Film. Vor allem das wunderbare Ensemble macht den Abend sehenswert. Am Volkstheater hingegen hat Bastian Kraft Felix Krull so leicht und doppelbödig inszeniert, dass es auch Thomas Mann gefallen hätte.

Mindestens ebenso lohnt eine Reise nach Dresden: Im großen Haus sollte man (neben seinem "Don Carlos") keinesfalls Roger Vontobels Zerbrochenen Krug verpassen, ein zweistündiger Krimi mit  großartigen Schauspielern: Hinter jeder Pointe blecken Abgründe die Zähne. Im Kleinen Haus mein schon mehrfach gepriesenes Lieblingsbuch Tschick in der Uraufführungsversion. Wie in Berlin gilt auch hier: Macht unbedingt glücklich, vor allem wegen zweier Hauptdarsteller, die Herrndorfs Sound wunderbar draufhaben.

Draußen regnet's, was heißt: Ab ins Theater!

Herzlich, Georg

 PS: Übrigens kann man alle verpassten Kulturtipps auf meiner Homepage nachlesen.


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