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Kulturtipps

Kulturtipps Sommer 2012

Liebe Sommerfrischler,

kaum dreht man sich um, steht der Herbst vor der Tür. Und damit der Saisonstart. Schlecht, wenn man bis dahin noch nicht mal die bisherigen Höhepunkte weitergesagt hat. Was ich hiermit nachhole, denn im Mai und Juni war so viel los, dass das Tippstippen irgendwo zwischen Heidelberger Stückemarkt, Berliner Theatertreffen und Autorentheatertage auf der Strecke geblieben ist.

Bevor ich allerdings meine geballten Festivalerkenntnisse präsentiere, ein aktueller Filmtipp: Holy Motors ist eine grandiose Verrücktheit, eine Hommage ans Kino und seine Schauspieler, und die (lange Zeit abstruse) Handlung zu verraten hieße, den halben Spaß zu verderben. Nur so viel: Mein Höhepunkt ist Kylie Minogue, die im vermeintlich privatesten Moment des Films im verlassenen Kaufhaus "Samaritaine" ein Lied singt, wobei nicht klar wird, ob ihre Tränen echt oder gespielt sind. Was letztlich für jeden Moment von "Holy Motors" gilt. Am Ende gibt's übrigens gleich zwei Schlusspointen – Durchhalten lohnt sich!

Nun aber zu meiner Festival-Auslese. Da ich die Berliner Produktionen oft schon vorher gesehen und an dieser Stelle gepriesen habe (nachzulesen in meinen früheren Kulturtipps), bin ich nur noch über Die blauen Augen von Terence Hill von Copy&Waste (Text: Jörg Albrecht) gestolpert. In Berlin lief dieses schräge Speed-Boulevardstück am HAU. Hin und wieder pollescht es arg, aber Tempo und Slapstick sind doch ziemlich eigen. Und Hartz IV als ständige Schauspielerbedrohung im kulissenstürzenden Seifenopernformat zu erleben, ist bös witzig. Mehr hier.

Im normalen Berliner Repertoire ist mir von einem meiner Lieblinge, dem hier schon stark gepriesenen Antú Romero Nunes, Fritz Katers Zeit zu lieben aufgefallen am Gorki Theater. Nicht seine beste Inszenierung, aber wieder von einer Emotionalität und Kraft, die viele der etablierten Regisseure (gerade) nicht aufbringen. Eine Jugend im Osten als universale Coming-of-Age-Geschichte, mit starken Kopfbildern zur Live-Band, die ziemlich sinnig auf die Pauke haut.

Und dann - kann das sein? Dass der Kulturkasch eine Empfehlung fürs Berliner Ensemble ausspricht? Wunder gibt es immer wieder. Und nun ja, die Inszenierung von Liliom ist keine Offenbarung. Aber im BE-Panorama erweist sich Mona Kraushaars Regie als erstaunlich subtile Arbeit. Vor allem aber der Wien-Import Johannes Krisch macht den Abend kalt glühen – und treibt die Schmonzette streckenweise in die griechische Tragödie. Mehr hier.

Nun also das, was ich auf den Festivals erlebt und für gut befunden habe - für alle (Kultur-)Reisenden: Besonders beeindruckt hat mich Platonov von der Wiener Burg. Alvis Hermanis, den ich seit Jahren schätze, lässt Tschechows Erstling als naturalistisches Bürgerdrama mit perfekt sitzender vierter Wand spielen – da wird genuschelt, mit dem Rücken zum Publikum gesessen und so konsequent auf Echt gebürstet, dass es schmerzt. Mehr hier.

Am Hamburger Schauspielhaus, das in den letzten Jahren nicht so arg glänzte, laufen gleich zwei feine Produktionen: Das Ding von Philip Löhle, eine Globalisierungs-Tragikomödie, die mit leichter Hand hingetupft von Jan Philipp Gloger. Leichter und doch schwerer als Schimmelpfennigs "Der Goldene Drache" (beide fischen im selben Themenbecken und ähneln sich in der Dramaturgie) und herrlich gespielt. Mehr hier.

Vom Schauspielhaus stammt auch Über die Grenze ist es nur ein Schritt, ein Kinder-/Jugendstück von Michael Müller: Wie leicht dort schwere Themen zusammengehen zwischen Armutsmigration, Illegalität, Wohlstandsverwahrlosung und Abschiebung, ist wirklich bemerkenswert – und liegt neben dem großartigen Text auch an Patrick Abozen in der Rolle des Dede. Ausführliches hier.

Ebenfalls aus Hamburg, allerdings vom konkurrierenden Thalia Theater, kommt Immer noch Sturm. Ich bin kein Handke-Fan, aber dieser Text mahlt so eisern die Vergangenheit, dass sich nach vier Stunden aus dem Mehl wie den Spelzen ein grimmig-schönes Bild ergibt. Dimiter Gotscheffs Inszenierung, die schon vor einem Jahr in Salzburg rauskam, hat ihre Längen, ja, aber wenn einer erst mal seine Anekdoten auskramt, kann's auch schon mal länger dauern. Angeblich soll Nürnberg die bessere Immer noch Sturm-Inzenierung besitzen, was ich noch überprüfen muss. Den Qualitätstest gibt's dann hier.

Ebenfalls vom Thalia stammt Nikolas Stemanns Faust-Marathon, von dem man nur Teil 1 sehen muss: Da ist stark, wie fein er den Text allein durch sich selbst dekonstruiert und gleich wieder zusammensetzt, weil Faust, Mephisto und Gretchen weite Teile als Monologe stemmen. Der Rest ist wunderbuntes Allerlei mit (mich zunehmend nervenden) Helmi-Puppen.

Vom Theater Bielefeld hatte ich bislang nichts gehört und gesehen, aber so schlecht kann's da nicht sein, wenn sie so schöne Abende machen wie Anne Leppers Käthe Hermann. Die Autorin gehört neben Wolfram Lotz zu den aufregendsten jungen AutorInnen. Sie traut sich was (nämlich Übertreibung und hysterischen Witz), fängt das aber in einer ebenso kunstvollen wie genau abwägenden Sprache auf. Da ist eine Dichterin, die uns die Welt allein durch ihre Worte sehen machen kann. Wie die Bielefelder die Geschichte um die gealterte durchgeknallte Primaballerina und ihre zwei unterdrückten Kinder zu zeigen, nämlich als aus dem Takt geratene Spieluhrszene, macht gruseligen Spaß.

Vom Sprech- zum Musiktheater ist es an der Berliner Komischen Oper oft nur ein Schritt. Anders in Händels Xerxes, den Regiestar Stefan Herheim als barockes Überspektakel inszeniert. Fließend geht ineinander über, was On- und Off-Stage der barocken Bühne passiert. Herheim zieht bühnentechnisch alle Register (was ja hin und wieder geradezu befreiend wirkt) und trifft bei aller Komik immer wieder in die Glutkerne der Gefühle. Außerdem hat er großartige SängerInnen zur Hand. War in der letzten Saison immer ausverkauft, also nicht zu lange warten...

Ziemlich intensiv auch Carmen von Sebastian Baumgarten. Nicht alles ist gelungen, aber wie er den Kitsch und alles Eingefahrene von dieser Hit-Sammlung bläst, geht oft genug unter die Haut. Die Idee, zwischen den Akten (und auch mittendrin) eine Flamenco-Tänzerin an die Rampe zu schicken, die mindestens so intensiv tanzt wie Carmen singt (alternierend gleich zwei grandiose Damen: Stella Dufexis und Katharina Bradic), zielt aufs Gefühl, aber zum Denken bleibt genug übrig.

Und dann noch ein kleiner Ausstellungstipp: Noch bis zum 9. September zeigt das Deutsche Theatermuseum München eine Schau über Rainer Werner Fassbinders Theaterarbeiten - und zwar ALLE. Da kann man was lernen, wenn man nur seine Filme kennt, und sieht schicke Fotos, Bühnenmodelle und Kritiken, wenn man schon mal was mit dem Thema zu tun hatte. Mehr hier.

Womit die neue Saison also eröffnet ist. Für Hinweise auf aufregende Seh- und Hör-Erfahrungen bin ich wie immer dankbar.

Die ich hiermit in die Runde wünsche!
Georg


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