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Kulturtipps

Kulturtipps Herbst 2012

Liebe Mitmenschen,

wer hat an der Uhr gedreht? Der Dezember steht vor der Tür, traditionell der kulturkonsumintensivste Monat des Jahres, und ich habe noch nicht mal die Höhepunkte von September, Oktober und November zusammengefasst. Aber jetzt!

Zunächst ein Ausstellungstipp: Noch bis zum 6. Januar gibt's im Kulturforum Schinkel. Geschichte und Poesie. Schinkelfans kennen Vieles von dem, was gezeigt wird, aber alles mal auf einem Haufen zu haben, ist ganz hübsch. Zumal die lustigen Möbelentwürfe und die geradezu größenwahnsinnigen späten Entwürfe (Schinkel sollte z.B. die Akropolis überbauen). Vieles fehlt auch, etwa Entwürfe zu Charlottenhof und den Vorstadtkirchen, von den "Zauberflöte"-Entwürfen werden nur die bekannten gezeigt, während die unbekannten viel zu klein im (ansonsten lohnenden) Katalog abgebildet sind. Am Entwurf zu einem Berliner Dom als Freiheitsdenkmal (mit Pegasus überm Hauptportal!) sieht man immerhin, dass auch Schinkel nicht vor Kitsch gefeit war. Ab Februar übrigens in der Hypo-Kunsthalle München.

Und dann: Liebe. Ja, Michael Hanecke geht an die Nieren, und man sollte mit jemandem ins Kino gehen, der oder die eine stabile Schulter besitzt. Aber die alten Schauspieler, in deren Gesichter man so gerne liest, bist eines von ihnen sich verschließt und schmerzhaft undeutlich wird, sind alle Leiden wert.

Nun aber die Theaterrundschau: Die Berliner Volksbühne scheint weiterhin nur zwei Extreme zu kennen: grottig und genial. Zu letzteren Produktionen gehören René Polleschs melancholisch umflorte Lachnummer Don Juan mit Martin Wuttke und die ebenfalls zwischen skurriler Komik und bitterböser Gesellschaftsanatomie pendelnde Glaube Liebe Hoffnung-Inszenierung von Christoph Marthaler. Das Deutsche Theater leistet sich weiter Flops und Nichtigkeiten auf hohem Niveau, hat aber mit Ödipus Stadt in Stefan Kimmigs Regie eine beeindruckende Antiken-Studie im Programm: Endlich gibt's die ganze Labdakiden-Geschichte an einem Abend. Das verkürzt manchmal etwas, und Uli Matthes hat einen seiner schwächeren Momente, aber Susanne Wolf ist als Kreon anbetungswürdig. An den Kammerspielen nebenan läuft Simon Solbergs ziemlich poppig-witzige Schiller-Anverwandlung Verbrecher aus verlorener Ehre, die mit zwei beeindruckenden und berührenden Ex-Knackis punktet. Dass und wie der Abend am Ende für einen menschlicheren Strafvollzug plädiert, kann man kitschig finden – ich find's mutig, sich so klar zu verorten.

Dann gibt's in Berlin gerade eine tolle Vergleichsmöglichkeit: An der Schaubühne hat Thomas Ostermeier Henrik Ibsens Ein Volksfeind inszeniert und die hippe Berlin-Mitte-Gesellschaft des Opportunimus geziehen – am Ende legt er nahe, dass auch die Revoluzzer-Stockmanns beim Thema Geld umkippen. Außerdem fliegen Farbbeutel und Zuschauerargumente durchs Parkett – vor den vorderen Reihen sei gewarnt! Am Maxim Gorki Theater hat Jorinde Dröse den Badearzt in Ein Volksfeind mit einer Frau besetzt, der wunderbaren Sabine Waibel. Und dreht die Radikalisierungsschraube konsequent weiter. Zum Ende ist ihr nichts mehr eingefallen, andererseits: Der Schluss ist eh Verhandlungssache und muss von jedem selbst ausdiskutiert werden. Beide Bühnen haben noch mehr im Programm: Die Schaubühne eine erstaunlich entspannte und doch spannende Version von Peter Weiss Monumentalstück Marat / Sade, das Peter Kleinert als Probe inszeniert und trotz vieler Insider-Anspielungen ziemlich viel Weiss transportiert. Am Gorki gibt's Friedrich Schillers Die Räuber, die man im Kopf haben sollte, wenn man sich Antú Romero Nunes' teilgeniale Dekonstruktion mit Knalleffekten anschaut (Achtung: 2,5 Stunden OHNE Pause). Hier läuft auch seit Ewigkeiten Kleists Der zerbrochene Krug in Jan Bosses krachkomischer und ziemlich heutiger Inszenierung – mit Edgar Selge als Dorfrichter Adam. Hab ich allerdings neulich erst gesehen, sehr witzig, wenn auch die melancholisch-schwarzen Abgründe, die zwischen Kleists Versen lauern, zu kurz kommen.

Auch in Sachen Boulevard ist Berlin gerade ziemlich gut aufgestellt. Wer also noch einen Weihnachtsgutschein für die (Schwieger-)Mutter sucht, natürlich nackedei-frei: Bissig und saukomisch war Theresia Walsers Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm schon immer, am Renaissance-Theater gibt's die Hitler-Talkrunde jetzt mit dem großen Jörg Gudzuhn. Ebendort auch Der Vorname, ein frisch verfilmter französischer Komödienerfolg: Auch hier geht's um einen Adolf – so soll der Sohn eines der Protagonisten heißen. Alles nur ein – ziemlich blöder – Scherz, lange wird nicht klar, wer hier was spielt. Am Ende erweisen sich die machoiden Schenkelklopfer aber nur als Steilvorlage für Annika Mauers Hausfrauen-Abrechnung. Das Happy End wird nur vom Erzähler nachgereicht, insofern sollte die (Schwieger-)Mutter schon auch ein bisschen konfliktfähig sein. Was nicht für Der kleine König Dezember gilt, ein melancholisches Märchen nach Axel Hackes Büchlein, in dem Dirk Bach noch als berührende Projektion herumgeistert und das mit tollen Videoeffekten zwischen großem Mann und kleinem König zaubert.

Auch die Berliner Off-Theater haben immer mal wieder Bemerkenswertes im Programm, allerdings ziehen die Produktionen meistens schneller weiter, als man gucken kann. Wer noch mal irgendwo die Chance hat, Jérôme Bels Disabled Theater zu sehen mit den tollen, geistig behinderten Schauspielern von Theater HORA, der sollte die Chance nutzen (mehr auch in meinem Essay zum Inklusionstheater). Auch sehr schön, nämlich kindlich-poetisch, ist Roboterträume von Turbo Pascal, die durchspielen, was der Umgang mit künstlicher Intelligenz mit uns macht. Das könnte intellektuell sicher noch tiefer schürfen, aber szenisch macht es großen Spaß. Klug auch Christoph Winklers Tanztheater zum Mitdenken Dance!Copy!Right?, in dem er den Unterschied zwischen schützenswerten Choreografie-Gesten erklärt und solchen, die Allgemeingut sind. Ein schönes Plädoyer auch gegen die Kommerzialisierung von Kunst.

Und die Oper? Barry Koskys neueste spektakelnde "Zauberflöte" habe ich noch nicht gesehen, wohl aber seinen Monteverdi-Marathon, von dem sich nur der Orpheus lohnt, vokal, musikalisch und szenisch der opulenteste Teil in märchenhafter Üppigkeit.

Das ist doch wieder eine Menge Kultur-Holz, das es zu raspeln – oder zu ignorieren – gilt. Wie immer ohne Gewähr!

Euch und Ihnen allen da draußen einen erfüllten Advent!

Georg

 


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