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Kulturtipps

Kulturtipps Herbst 2013

Liebe Freunde der Kulturtipps,

nein, niemand wurde im vergangenen Jahr aus der Empfängerliste gekippt. Ich habe nur geschwiegen, weil es nicht viel zu sagen gab (insbesondere die zweite Halbzeit der letzten Saison war äußerst mau) und weil über mir die Wellen der Überarbeitung zusammenschlugen. Und was nützen Tipps in der Sommerpause, wenn alles am Strand döst? Also.

Zunächst ein aktueller Hinweis: Heute (7.11.) beginnt in Berlin das inklusive No-Limits-Festival. Rimini Protokoll mit "Qualitätskontrolle" ist bereits ausverkauft, die vielen anderen Produktionen aus Portugal, Mosambique, Russland, Serbien etc. sind es noch nicht. Teilweise sind das Inszenierungen aus Ländern, in denen behinderte Menschen sonst vollkommen unsichtbar sind (Russland), teilweise arbeiten bekannte Performer und Choreografen mit behinderten Schauspielern (Serbien, Portugal). Ich werde fast durchgehend dabei sein, denn ich begleite das Festival als Leiter des Nachwuchsprojektes Festivalblog und schätze es sehr.

Dann drei Buchtipps: Der erste ist pragmatisch und für alle diejenigen nützlich, die sich und ihre Projekte mehr oder weniger verkaufen müssen. Ina Roß gibt in Wie überlebe ich als Künstler? in äußerst lässiger Sprache viele kluge Tipps für ein lustvolles Selbstmarketing. Sie beschreibt die vielen Wege, wie man an Geld kommt, wie man auf sich aufmerksam macht, wie man sich organisiert - und das alles, ohne sich zu verbiegen! Das Buch ist im transcript Verlag erschienen. Ein großer, schön gestalteter, mit knapp 30 Euro nicht ganz billiger Band ist  Bäderbau in Berlin, erschienen im Lukas Verlag. Aber für alle Berlin-Hobbyhistoriker und Schwimm(hallen)fans ein Muss, weil er nicht nur viele schöne Fotos und Zeichnungen enthält, sondern auch lesbare Texte, die akribisch viele Details zusammengetragen haben, um das Baden und Schwimmen in Berlin vom Mittelalter bis heute zu erzählen. Und für diejenigen, die Wälzer nicht scheuen: Parallelgeschichten von Péter Nádas. Durch bin ich noch lange nicht, aber so schonungslos, wie er bisher die Welt zwischen Budapest und Ruhrgebiet seziert, das bürgerliche Leben seziert und durchleuchtet, lohnen sich die über 1700 Seiten. Das bewegt sich in den Traditionen von Proust, Musil und Thomas Mann und ist doch vollkommen heutig. Ich bin gerade süchtig.

Theater: Wie gesagt: In Berlin war's tendenziell eher mau im Winter und im Frühjahr. Ich mochte dennoch – zumindest streckenweise – Frau Luna an der Volksbühne, eine weitere bilderstarke Kalauerorgie von Herbert Fritsch. Nicht so stark wie "Die (s)panische Fliege" und "Murmel Murmel" am gleichen Ort und akustisch etwas gewöhnungsbedürftig, aber unterm Strich immer noch origineller als vieles, was sonst so läuft. Eine ausführliche Kritik gibt's hier.

In den Kammerspielen des Deutschen Theaters hat der von mir sehr geschätzte Frank Abt Stallerhof inszeniert, das berühmteste Volksstück von Franz Xaver Kroetz, in dem die geistig behinderte Beppi vom Stallknecht geschwängert und von den Eltern schikaniert wird. Harter Tobak mit einer starken Hauptrolle, in der gerne erste Schauspielerinnen brillieren. Abt hat sich dafür entschieden, Beppi mit einer geistig behinderten Schauspielerin zu besetzen – und legt um sie den schützenden Mantel einer tastenden Versuchsanordnung. Das ist wahrhaftig – und gegen Ende auch noch berührend. Mehr hier.

Am selben Ort läuft jetzt auch Der talentierte Mr. Ripley. Bastian Kraft inszeniert das gewohnt souverän mit vielen Bühnenmetaphern und Spiegel-Bildern – und trifft damit Highsmith' Narziss-Motiv. Nicht alles ist gelungen, aber der kurze Abend gehört sicher zu den besser funktionierenden der Saison.

Im Grips im Podewil läuft Aussetzer von Lutz Hübner: Ein Schüler tritt eine Lehrerin zusammen, sie versucht es mit Pädagogik statt mit Bestrafung. Ein kluges, intensives Zwei-Personen-Stück, sensibel gespielt von Katja Hiller und Paul Jumin Hoffmann. Mehr hier, Infos hier.

Überhaupt erweist sich das Kinder- und Jugendtheater auch für Erwachsene immer wieder enorm beglückend. Ich glaube, ich habe im Theater noch nie so hemmungslos geheult wie in Schlafen Fische? von Jens Raschke, das ich in einer Inszenierung des Theaters Kiel gesehen habe. Ein Mädchen erzählt vom Leben mit dem todkranken, dann sterbenden kleinen Bruder. Harter Tobak, aber wie es davon erzählt, ist dann auch wieder saukomisch – und oft genug tröstlich. Übrigens heulen die Erwachsenen immer viel mehr als die Kids, haben die Macher hinterher erzählt. Keine Ahnung, ob und wann es nach Berlin kommt, aber wenn es Euch über den Weg läuft - hingehen! In Berlin, aber immer ausverkauft, ist Wenn du nicht mehr da bist an der Parkaue. Auch hier geht's um (durchaus finale) Abschiede – weitaus verspielter. Ein Laienprojekt, das aber voller Energie ist, ständig die Perspektive bricht. Und ordentlich Talent bei den jungen Leuten zeigt. Auch toll: Weiße Magie von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen. Gibt's so offensichtlich nur in Bremen, die Produktion tourt aber, also wachsam sein. Kann man in wenigen Worten nicht erklären, deshalb gleich der Verweis auf meine Kurzkritik.

Demut vor deinen Taten Baby von Laura Neumann ist ein kurzes, rasantes Stück über drei junge Frauen, die trotz eher ungünstiger Grundvoraussetzungen zu Terror-Heldinnen werden, sich am Ende aber an Geld, Ruhm und Macht verraten. Schön böse, schön klug, vor allem in der Bielefelder Uraufführung von Babett Grube, die eigentlich nichts braucht außer ihren drei Schauspielerinnen, ein bisschen Klebeband und Pappbecher, um die Geschichte zu erzählen. Hat in dieser Inszenierung auch den Publikumspreis beim Münchner Festival "Radikal jung" gewonnen.

Und falls Euch und Ihnen mal der Tänzer und Choreograf Pere Faura über den Weg läuft – hingehen! Ich habe im Sommer nur eine Sache von ihm gesehen, den Doppelabend "Striptease" und "Bomberos con grandes mangueras". Aber wie witzig und szenisch ergiebig er da Erotik als Blick- und Kopf-Konstruktionen offenlegt, macht unbedingt Lust auf mehr.

Und die Oper? Da hat das Opernhaus des Jahres, die Komische Oper, in Berlin die Nase vorn mit Barry Koskys Zauberflöte im Comic-Look (die dennoch nicht die Abgründe der Geschichte vergisst), Ball im Savoy (eine Jazz-Operette mit der wunderbaren Katherine Mehrling und ordentlich schrägem Fummel) und der neuen Così fan tutte in der Regie des von mir ohnehin sehr geschätzten Alvis Hermanis. Zumindest bei den ersten beiden gibt's Kartenprobleme, also wachsam sein.

Das nächste Mal bin ich schneller, versprochen. Weitere Tipps (und Warnungen) gibt's jederzeit persönlich, die Kontaktdaten stehen allesamt auf meiner Homepage. Aufregende Seh- und Hör-Erfahrungen wünscht
Georg


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