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Kulturtipps

Kulturtipps Winter 2013/14

Liebe Freunde der Kulturtipps,

draußen herrscht längst Frühling, aber der Kalender sagt: Winter, weshalb ich mir nicht zu schäbig vorkomme, jetzt noch die Winter-Tipps nachzureichen. Die ergeben eine ziemlich lange Empfehlungsliste, denn, oh Wunder, gerade das Theater ist in letzter Zeit wieder interessanter geworden.

Das hat vor allem mit dem neuen Gorki Theater unter der Leitung von Shermin Langhoff und Jens Hillje zu tun. Vieles von dem, was es da zu sehen gibt, macht Spaß, berührt, gibt Denkfutter, ohne zu belehren. Zum Beispiel Der Russe ist einer, der Birken liebt in der Bühnenversion von Yael Ronen – zersplitterte Identitäten, leicht hingetupft von wunderbaren Schauspielern. Die gibt es auch in Hakan Savas Micans Inszenierung von Marianna Salzmanns Schwimmen lernen im Gorki Studio (Kritik hier) – eine grenzüberschreitende Dreiecksliebesgeschichte, zärtlich und mit viel Musik erzählt. Oder in Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen, wo Sibylle Berg ihr feines Gift in Dosen verabreicht und vier Schauspielerinnen sich in Sebastian Nüblings (Porträt hier) Regie den icherzählenden Charakter chorisch und höchst vergnüglich überziehen. Wer Kinder hat, der sollte sich den etwas poppigen Kleinen Muck ansehen (Kritik hier) mit fantastischen Puppen und Figuren (und einer berührenden Migrationsgeschichte). Auch nicht verpassen: Small Town Boy, weil Falk Richter – neben ein paar Allgemeinplätzen zum schwulen Leben in der Großstadt – auch einen Wutmonolog eingebaut hat, der so unter die Gürtellinie geht und dabei derart emotional ist, dass er noch im Foyer für ordentlich Debatten sorgt. So leidenschaftlich war Theater in Berlin schon lange nicht mehr!

Ein Geheimtipp, der hiermit keiner mehr ist: der Social Muscle Club in den Sophiensälen. Das Prinzip: Jeder im Publikum schreibt auf einen Zettel eine Sache, die er geben, auf einen anderen eine Sache, die er haben will. Die Zettel kommen in einen Topf, die Moderatoren losen sie aus und versuchen, im Saal zu Wunsch oder Angebot den passen Widerpart zu finden. So sind schon Menschen zu Babysittern, Handwerkern und einem Gedicht gekommen. Dazwischen gibt's teils schräge, teils anspruchsvolle Performance-Acts – und jede Menge neue Bekannte. Reservierung empfohlen – das letzte Mal bin ich nicht mehr reingekommen, weil's ausverkauft war (weshalb sie auch gleich die Preise verdoppelt haben – lohnt sich trotzdem). Nächster Termin: 23. April.

Auch die Volksbühne schläft nicht. La Cousine Bette ist mal wieder ein erschöpfend langer Castorf geworden, aber doch einer der besten seit langem. Was auch Kathi Angerer und Lilith Stangenberg liegt, die sich wie immer kopfüber in ihre Rollen stürzen. Mit Ohne Titel Nr. 1 ist Herbert Fritsch mal wieder zum Theatertreffen eingeladen. Schon witzig und hübsch, das Ganze, fügt seinen bisherigen Arbeiten allerdings nichts fundamental Neues hinzu (Kritik hier).

Auch beim Theatertreffen: Alain Platels Tauberbach von den Münchner Kammerspielen, das gerade schon mal in Berlin gastierte. Klar kann man gegen das Konzept argumentieren, auf der ästhetisierten Kleidungsmüllhalde, die aussieht wie Actionpainting aus Stoffen, Menschen zu Aufnahmen tanzen zu lassen, auf denen Gehörlose so singen, wie sie sich Bach vorstellen. Aber letztlich berührt die Musik (vor allem die von den Tänzern und Elsie de Brauw live gesungene) ebenso wie das vieldeutige Abbild unserer Welt.

Eine Überraschung gibt's gerade in Potsdam: Da hat Alexander Nerlich einen Urfaust inszeniert, so klug und leidenschaftlich, wie man ihn jeder Berliner Bühne wünschen würde. Jeder Einfall ein Treffer, und die Schauspieler sind so gut, wie ich das in Potsdam nicht für möglich gehalten habe (Kurzkritik hier).

Auch in der Oper tut sich was. Die neuerdings erfolgsverwöhnte Komische Oper kann bei der West Side Story erwartungsgemäß regelmäßig das "Ausverkauft"-Schild raushängen. Was nicht nur am Werk, sondern auch an Barry Kosky und dem Choreografen Otto Pichler liegt, die es auf einer nahezu komplett leeren Bühne unheimlich konzentrieren. Die Körper und die Stimmen sind der Star, und allein für die spektakulären Tanzszenen lohnt sich der Kampf an der Kasse. Die Staatsoper wiederum geht weiter ihrer (berechtigten) Leidenschaft für Leoš Janácek nach. Andrea Breth hat Katja Kabanova als hoffnungslose Seelenschau inszeniert, aber im Graben glüht es warm (Kritik hier).

Ins Kino schaff ich es immer seltener, aber gestern war ich dann doch mal wieder dort, um mir höchst dienstlich die Verfilmung von Tracy Letts' Erfolgsstück August: Osage County (in Deutschland meist als "Eine Familie" gespielt) anzuschauen mit Meryl Streep und Julia Roberts, die preiswürdig aufeinander losgehen als Mutter und Tochter. Diese Familiendramödie hat es in sich, ballt vielleicht etwas viele Schicksalsschläge und Deformationen auf die paar Menschen (Alkohol- und Tablettensucht, Suizid, Missbrauch, Inzest...), aber wenn sie sich gegenseitig die Wahrheiten an den Kopf werfen, blitzen die Pointen, und diese Verfilmung ist besser als alle Versionen, die ich bislang auf der Bühne gesehen habe (Kritik hier).

Und jetzt noch ein Hinweis in eigener Sache: Mein wunderbarer Kammerchor (und Kammer heißt in diesem Fall: 15 äußerst begabte junge Leute) probt gerade ein Passionsprogramm, das sich zwischen Zuversicht (Händels "Dixit Dominus") und Klage (Sanders: "Reproaches", Tavener: "Lament of the Mother of God") spannt. Unter dem Titel Il Pianto di Maria singen wir in Neubrandenburg, Schwedt, Bochum und Bottrop, vor allem aber in Berlin: am Freitag, 11. April, in St. Matthäus am Kulturforum (23 Uhr) und am Sonntag, 13. April, um 18 Uhr in der Kreuzkriche in Schmargendorf. Karten gibt's über mich (10, ermäßigt 5 Euro). Kommt, es lohnt sich!

Aufregende Seh- und Hör-Erfahrungen wünscht
Georg


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