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Kulturtipps

Kulturtipps Sommer/Herbst 2014

Liebe Freunde der Kulturtipps,

wenn's losgeht, dann richtig: In den letzten Monaten hielten mich mein komplizierter Umzug und andere Ereignisse derart auf Trab, dass für locker hingeschlenzte, aber dann ja doch immer durchdachte und ausformulierte Tipps lange keine Ruhe blieb. Allerdings gab's in letzter Zeit auch wesentlich mehr gutes Theater (in Berlin) als vor der Sommerpause.

Nach meinen Jubelarien hätte man es ahnen können: Das Gorki Theater unter Shermin Langhoff und Jens Hillje wurde von den Theater-heute-Kritikern zum Theater des Jahres gewählt. Noch vor der Entscheidung habe ich das Theaterwunder gepriesen. Zu den von mir bereits empfohlenen Produktionen Der Russe ist einer, der Birken liebt, Schwimmen lernen, Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen, Small Town Boy und Der kleine Muck (der läuft jetzt wieder – also schnappt diejenigen Eurer (Paten-)Kinder, die nicht zu zart besaitet sind) kamen inzwischen der bislang berührendste Gorki-Abend Common Ground über eine Gruppe junger Schauspieler, die allesamt Kinder waren, als der Jugoslawienkrieg ausbrach und die nun zusammen in ihre Vergangenheit reisen. Ist übrigens ein heißer Theatertreffen-Kandidat.

Der Abend ist ebenso von Yael Ronen wie Hakoah Wien, das zunächst nur als Gastspiel lief und, jetzt aber fest im Repertoire läuft und angenehm verspielt von Ronens Familiengeschichte zwischen Wien und Israel, Fußball und Armee erzählt. Ronens jüngstes Projekt: Erotic Crisis über Sex in Langzeitbeziehungen. Sicher nicht der tiefsinnigste Abend, aber ich habe mich da mehr als einmal gespiegelt gefühlt. Wie unschwer zu erkennen, bin ich Ronen-Fan – wer also mit einer ihrer Produktionen nichts anfangen konnte, kann den Rest natürlich auch links liegen lassen. Nicht jedermanns Fall dürfte, ebenfalls am Gorki, Nurkan Erpulats Inszenierung von Joe Ortons einstigem Komödien-Schocker Seid nett zu Mr. Sloane sein (Kritik hier). Ich mochte das Überdrehte sehr, all die Showbizz-Zitate. Und die Schauspieler. Die Schauspieler! Subtil ist da allerdings nichts.

Auch herrlich komisch mitunter und subtiler, zärtlicher ist einer meiner neuen Lieblingsabende an den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Bastian Kraft hat den Schriftsteller Ronald M. Schernikau aus der Versenkung geholt, der schwule wilde Kommunist, der sich im September 1989 noch in die DDR einbürgern ließ und 1991 an AIDS starb. Die Schönheit von Ost-Berlin (Kritik hier) macht nicht nur große Lust, sein aufregendes Werk (wieder-) zu entdecken, sondern hat auch noch die große Margit Bendokat als erdenden Trumpf (außerdem ist mit Thorsten Hierse einer meiner Lieblingsschauspieler dabei).

Thematisch passend der Mauerflucht-Abend Berlin-Friedrichstraße 20.53 Uhr im Theater an der Parkaue (Kritik hier) – kein Gedenkstück, sondern ein aufregendes, fast dokumentarisches Nacherzählen eines großen Abenteuers, das Marcus Lobbe nicht zur Heldengeschichte stilisiert, sondern mit der Melancholie des Mauerfalls grundiert. Das hinterlässt mehr Fragen als Jubel – und ist als exzellentes Jugendtheater auch was für Erwachsene.

Weil ich's neulich noch einmal gesehen habe: Am liebsten zu dritt vom RambaZamba-Theater ist zwar Volkstheater im eher handfesten Sinn. Aber doch enorm auf den Punkt, weil die Schauspieler mit Behinderungen darin so selbstironisch die Gesellschaft zerpflücken, dass es eine Lust und Freude ist. Im Zentrum: Mirco Kuball, ein großartiger Schauspieler. Allein wegen ihm lohnt sich der Abend. Tourt auch fröhlich durch die Lande, einfach mal googeln.

Weiter geht's in Berlin mit der Volksbühne. Dort bloß nicht in den neuen Castorf gehen (der Abend hält, was er verspricht: "Kaputt"), womit bewiesen wäre, dass die wöchentlichen Charts auf nachtkritik.de keine Bestenliste ist, sondern eher Erregung abbildet. Aber den neuen Marthaler Tessa Blomstedt gibt nicht auf mochte ich (Kritik hier), der für seine Verhältnisse ziemlich kurz ist mit einer absurden Schlagerparade, wo sich etwa Helene Fischers Party-Alptraum "Atemlos" zum bittersüßen A-capella-Bonbon verformt. Es hat tiefere Marthaler-Abende gegeben (neulich an der Staatsoper Letzte Tage. Ein Vorabend, Kritik hier, ist aber schon wieder abgespielt), stimmt, aber dieser geht runter wie Öl.

Ein weiterer, inhaltlich komplexerer Marthaler-Abend ist Das Weisse vom Ei (Une île flottante) nach Eugène Labiche in Basel, wo er (Klein-)Bürgerlichkeit derart durch seinen Katalysator der grotesken Entschleunigung und des musikalischen Witzes presst, dass ein völlig überdrehter Abgesang auf die Liebe, die Familie, das menschliche Streben entsteht. Wer ohnehin schon auf der Reise durch den Süden ist, sollte unbedingt an den Münchner Kammerspielen haltmachen, solange das großartige Ensemble noch so beisammen ist, um René Polleschs bestaufgelegtes Gasoline Bill zu sehen (mit Sandra Hüller!) und das streng geschnittene Fegefeuer in Ingolstadt, neulich erst beim Theatertreffen. Da gab's auch den Dokuabend vom Burgtheater Die letzten Zeugen, bei dem (der mittlerweile geschasste Intendant) Matthias Hartmann das einzig richtige machte: sich zurücknehmen und die Zeitzeugen des Holocaust erzählen lassen (bzw. die Schauspieler, während die Zeitzeugen mit auf der Bühne sitzen). Die Inszenierung tourt, allerdings ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie nicht mehr gespielt werden kann.

Jetzt fällt es schwer, den Übergang zur Oper zu finden. Wobei das passende Werk schnell gefunden ist: In diesem Jahr starb der wunderbare Theater- Oper- und Filmmann Patrice Chéreau, in Berlin läugft jetzt im Dezember wieder seine packende Inszenierung von Leoš Janáceks Aus einem Totenhaus (mit Simon Rattle am Pult, Kritik hier). Wer das nicht schafft, schaue sich die DVD-Aufzeichnung seines Jahrhundert-Rings aus Bayreuth an. Haut mich immer wieder um. Nicht nur für Janácek haben die Berliner Opernhäuser dankbarerweise ein Herz, sondern auch für Benjamin Britten  – womit zwei meiner Lieblingsopernkomponisten angemessen vertreten sind. Nicht alles kann man empfehlen: Bei The Turn of the Screw gerade an der Staatsoper hat mich die Eindeutigkeit von Claus Guths Interpretation gestört, aber musikalisch ist das gut und für eine Erstbegegnung taugt es allemal (Kritik hier). Die etwas altmodische, aber ambivalentere Regie in The Rape of Lucretia von der Deutschen Oper gefiel mir besser, lässt sich aber nicht überprüfen, weil's schon wieder abgespielt ist. Noch im Repertoire hingegen Brittens Sommernachtstraum in der Regie des Letten Viestur Kairish an der Komischen Oper – die Inszenierung setzt einiges an (tiefenpsychologischer) Deutungslust voraus, steckt aber voller Bezüge und gewaltiger Bilder. Und gesungen wird auch hier wunderbar.

So richtig zum Lesen (jenseits von Wohnungsanzeigen, Stücken und Romanen, die auf die Bühne kamen) bin ich nicht gekommen. Wolfgang Herrndorfs Arbeit und Struktur kann ich sehr empfehlen – eine erweiterte Version seines Blogs, das er während seiner Gehirntumorerkrankung schrieb. Das Buch wirkt wie ein Bindeglied zwischen dem lebensfreundlichen "Tschick" und dem abgründig schwarzen "Sand" und erzählt berührend und tieftraurig vor dem Hintergrund des Todes von nichts weniger als dem Leben. Passt zum Novembernebel – eine gute Schokolade als Stimmungsaufheller danach kann nicht schaden.

Nun hoffe ich, dass alle bestens versorgt sind mit (Gutschein-)Tipps für Weihnachten oder die Zeit davor. Und wer sich falsch beraten fühlt, der tröste sich mit dem Hinweis, dass er oder sie nicht der / die Einzige ist: Gerade stolperte ich über den Brief eines aufgebrachten Lesers an die Redaktion der Nürnberger Abendzeitung, der bei mir "erhebliche Wahnehmungsstörungen" vermutete, "die durchaus therapiebedürftig erscheinen". Er trank freundlicher Weise auf meine (geistige) Gesundheit. Ob's geholfen hat, möge jede(r) selbst entscheiden – Gelegenheiten zum Überprüfen gibt's jetzt genug.

Und damit wünscht wie stets aufregende Seh- und Hör-Erfahrungen
Georg


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