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Kulturtipps

Kulturtipps Winter/Frühjahr 2015

Liebe Freund*innen der Kulturtipps,

so ganz kann sich das Wetter gerade nicht entscheiden, ob es schon Frühling ist oder noch nicht, was mir ganz gelegen kommt, schließlich will ich noch meine Winter-Tipps unters Volk bringen. Die Theaterliste immerhin ist recht kurz, was auch daran liegen könnte, dass ich bislang einige Berliner Hauptwerke nicht geschafft habe, darunter Thomas Ostermeiers "Richard III." mit Lars Eidinger und den neuen René Pollesch an der Volksbühne mit Martin Wuttke und der hinreißenden Lilith Stangenberg). Meine Empfehlungen finden diesmal eher an den Rändern statt, während mich die großen Häuser zuletzt eher enttäuscht haben. Immerhin ist bald Theatertreffen in Berlin, wo, wie vorausgesagt, Common Ground vom Berliner Gorki-Theater eingeladen ist. Auch gut: Nicolas Stemanns Jelinek-Uraufführung Die Schutzbefohlenen, mit der das Theatertreffen eröffnet und über die ich schon fürs amnesty journal geschrieben habe.

Aber zu den aktuellen Produktionen: Sehr schön Das unmöglich mögliche Haus, Forced Entertainments erste Kindertheaterarbeit an der Parkaue – ein Lob der Fantasie und des Erzählens, für Erwachsene mindestens so schön wie für Kinder. Am Theater am Ku’damm läuft meist Boulevard von der Stange, aber Tracy Letts' Eine Familie (neulich erst mit Meryl Streep und Julia Roberts verfilmt als "Im August in Osage County") in der Regie von Ilan Ronen ist ein großer, glücklich machender Wurf.

Dann zeigt das HAU demnächst zwei Sachen, die ich schon gesehen habe: Martin Clausen & Kollegen (in diesem Fall die begnadeten Rahel Savoldelli und Peter Trabner) spielen Gespräch haben / Ohne Worte vom 15. bis 18. April – ein wunderbar skurriler Szenenreigen dicht bei Loriot und Marthaler. Außerdem zeigt Andros Zins-Browne beim "Männlich Weiß Hetero"-Festival (das ohnehin nicht schlecht klingt) am 25./26. April The Host – da rätselt man lange, was das merkwürdige Cowboy-Getanze da soll, bis sich am Ende eine schöne Pointe ergibt.

In der Oper bin ich zuletzt öfter gewesen. Man kann gegen den Freischütz an der Staatsoper einiges einwenden, und ja: mit der Sänger-Regie hat’s Michael Thalheimer nur bedingt. Aber dennoch hat das, was da über die Rampe kommt, eine bezwingende Wucht. Was vor allem an Sebastian Weigle liegt, der Thalheimers Lesart unbedingt unterstützt. Eine Zusammenarbeit von musikalischer und szenischer Leitung, wie sie auch Lady Macbeth von Mzensk zu einem Erlebnis macht, auch wenn man sich über die vielen Fische und die norwegische Brassbanda sicher streiten kann (ich fand’s schlüssig). Aber Evelyn Herlitzius singt und spielt phänomenal, und Donald Runnicles spitzt das im Graben schön zu. Wer keine Lust auf menschliche Leidenschaften, sondern auf Champagner hat, dem ist Barrie Koskys neuester Operetten-Streich an der Komischen Oper zu empfehlen, wo Dagmar Manzel und Max Hopp zu zweit über 30 Rollen in Eine Frau, die weiß, was sie will stemmen. Das ist so leichthändig und gut gemacht, so geistreich und witzig, dass ich nach den 90 Minuten sofort noch mal reingegangen wäre.

Gelesen habe ich zuletzt etliches, darunter Lutz Seidlers Kruso, das ich wie im Rausch durchlebt habe (während Wojciech Kuczoks Lethargie zwar tolle Momente und eine angenehm satirische Wut hat, aber extrem konstruiert wirkt). Den Buchpreis-Gewinner muss man vermutlich ebenso wenig anpreisen wie Birdman, den Oscar-Abräumer, der in grandiosen Bildern von einer späten Sinnsuche erzählt und dabei alle möglichen Theater- und Schauspieler-Klischees aufs Korn nimmt. Vereinzelt läuft auch noch Wild Tales (Relatos Salvajes) von Damián Szifron, der jetzt diskutiert wird, weil in der ersten der sechs Episoden ein Amokpilot sein Flugzeug crasht mit allen, die drin sitzen. Das ist vermutlich gerade unerträglich, aber davon abgesehen ist der Film eine ebenso schwarzhumorige wie hellsichtige Abrechnung mit den menschlichen Leidenschaften. Sollte irgendwann mal in Deutschland Diary of A Teenage Girl von Marielle Heller laufen – das ist ein Coming-of-Age-Film, der sich unbedingt lohnt wegen der großartigen Schauspieler, der lässigen Unbedingtheit, mit der hier ein Mädchen erwachsen wird und der meisterhaften Verschmelzung mit Trickfilmelementen.

So, der Winter ist abgearbeitet, jetzt darf der Frühling kommen.
Frohe Ostern in die Runde wünscht
Georg


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