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Kulturtipps

Kulturtipps Dezember 2011

Liebe Freunde dieses ganz bestimmt nicht allein selig, aber hoffentlich gelegentlich glücklich machenden Theaterbriefs,

das Jahresende naht, wer jetzt seine kulturellen Höhepunkte 2011 noch nicht gefunden hat, findet wohl keine mehr. Im Dezember gab es zwar keine Jahresbesten, wohl aber sehenswerte Abende:

Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick habe ich ja schon besungen und zu Weihnachten flächendeckend verschenkt. In der Box des Deutschen Theaters hat Alexander Riemenschneider das Buch auf knappe zwei Stunden zusammengestrichen und schickt den großartigen Thorsten Hierse und einen ebenfalls sehenswerten Sven Fricke ins Rennen, die mit ihren Rollen – vor allem dem Ich-Erzähler Maik und Tschick, aber auch dem ganzen Rest an Nebenfiguren – fröhlich Pingpong spielen: lässig, ironisch, cool, auch sentimental. Das kommt dem Buch ziemlich nahe und macht Spaß, ist dementsprechend ausverkauft. Vorbuchen!

Weniger bekannt ist Georg Seidel, ein DDR-Schriftsteller, der kurz nach der Wende starb und irgendwie vergessen wurde. Schade, denn Jochen Schanotta zum Beispiel ist ein (kurzes) Stück, das mit Büchner'scher Sprach- und Sezierwut die bleierne Schwere des Systems skizziert anhand eines Jungen, der nur ein bisschen rebellieren will und gleich gegen Beton knallt. Wenn er am Ende zum Militär muss, ist klar, dass all die Schikanen zuvor nur die Vorhölle waren. Frank Abt (zweifelsohne einer meiner Favoriten, wie regelmäßige Theaterbrief-Leser wissen) erzählt die Geschichte in den DT-Kammerspielen eng am Text, schickt seine tollen Schauspieler ins Experiment und auf die Spur des abnehmenden Lichts inklusive Utopieinsel und Tapetentristesse.

Für die Star- und Boulevard-Freunde bzw. solche, die ihre Eltern gerne in skandalfreie Inszenierungen schicken (oder mitnehmen), empfehle ich Der letzte Vorhang am Renaissance-Theater. Das Stück ist eine Apotheose auf die Hassliebe zwischen Liz Taylor und Richard Burton und gleichzeitig ein verwirrendes Spiel mit den Ebenen, vor allem aber ein Schauspielertraum, weil alle Register gezogen werden dürfen zwischen grauer Maus und Vamp, Macho und Weichei, Charge und subtilen Pointen. Dementsprechend spitzt Antoine Uitdehag ganz auf Suzanne von Borsody (für die ich ein Herz habe, keine Ahnung, warum) und Guntbert Warns zu, die im Wortgewitter baden wie in Champagner.

Völlig anders und so schnell wohl kaum wieder in Berlin ist Hate Radio, aber wer starke Nerven hat, kann ja ruhig verfolgen, wann und ob die Produktion wieder in der Nähe zu sehen ist. Anfang Dezember erzählte das International Instute for Political Murder beeindruckend vom ruandischen Radiosender RTLM, der Propagandamaschine des Völkermords 1994. Dokutheater, dessen Wucht aus dem Kontrast entsteht zwischen Opferberichten und der Banalität des Studioalltags, wo fluffige Sprüche, coole Rhythmen und Bluthetze direkt nebeneinander stehen.

Im Dezember habe ich es erstaunlich oft ins Musiktheater geschafft. Zum Beispiel in Rusalka an der Komischen Oper. In der Repertoirevorstellung mit B-Besetzung ging so manches schief, vor allem scheiterte die Geschichte um die kleine Meerjungfrau am hölzernen und deutlich in die Jahre gekommenen Prinzen, der alle Liebesschwüre zu Behauptungen werden ließ. Dennoch gibt es neben der ohrwurmenden Arie an den Mond feine Momente und Barry Kosky bemüht sich um Psychologie - mal mehr, mal weniger treffend. Wie Rusalka das Fischrückgrat (womit wir bei den Gräten wären) herausoperiert wird, ist ziemlich beklemmend, die eigentlich gruselige Fischkochszene später allerdings unfreiwillig komisch. Kann man also, muss man nicht, jedenfalls nicht in dieser Besetzung.

Ebenso zwiespältig Jaques Offenbachs Operettenknüller Orpheus in der Unterwelt an der Staatsoper, von einem illustren Team auch musikalisch auf Brettlbühnenformat zusammengestaucht. Nette, zuweilen sich dehnende Unterhaltung ohne Biss. Aber wer mal mit Oma oder Mutti einen fluffigen Abend ohne geistige Anstrengung, aber mit jugendfreien Witzchen verbringen will, kann hier zwischen Pop-Up-Bühnenbildern, Kostümopulenz im Chor und Schauspielstars (Ben Becker, Gustav Peter Wöhler, Hans-Michael Rehberg u.a.) schmunzeln. Meinen Premiereneindruck, dass Sebastian Baumgartens Im weißen Rößl an der Komischen Oper zwar auch seine Längen hat, aber dafür Schauspieler, die die Bühne wirklich füllen können, habe ich letztens bei einer Repertoirevorstellung überprüfen können: Max Hopp und Kathi Angerer sind nach wie vor umwerfend, und auch Dagmar Manzel fand ich jetzt treffender als bei der Premiere. Mittlerweile gibt's auch locker Karten, also dürfte der Trick funktionieren: Günstige Karten kaufen und unauffällig in Reihe 12 setzen.

Regelmäßige Theaterbrief-Leser wissen es: Ich spreche selten Warnungen aus und schweige lieber über Mittelmäßiges, weil sich im Grunde jeder selbst ein Bild machen sollte. Ausnahmen bestätigen die Regel, gerade wenn die Erwartungen hoch sind. Um Edward II. an der Schaubühne sollte man besser einen Bogen machen, weil der Abend trotz (und wegen) Texttreue, nackter Haut, Brokeback-Mountain-Allüren und Designer-Knast in Langeweile erstickt. Was da vorne los ist, welche Liebes- und Gewissensqualen ausgestanden, welche Intrigen ausgeheckt werden, verschwindet hinterm Hightec-Gedöns.

Und noch ein letztes: Die aktuelle Verfilmung von Jane Eyre versammelt großartige Lieblings-Schauspieler, die alle Ambivalenzen aus ihren Charakteren kitzeln. Hier geht's weniger um den Bilderrausch als um Schlagabtäusche und rätselhafte zwischenmenschliche Spannungen. Genau das Richtige, um das winterliche Herz in Wallung zu bringen – mit (bereits weltliterarisch verbürgter) Happy-End-Garantie!

Alles Gute für 2012! Und mehr herausragendes Theater!
Herzlich
Georg


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