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Kulturtipps

Kulturtipps November 2011

Liebe Leute,

heute ist der 1. Dezember, und bevor sich alle nur noch im Schweiße ihres Angesichts um das Abarbeiten ihrer Geschenkeliste kümmern, hier schnell die Auswertung meiner November-Erlebnisse in den Berliner Theatern.

Doch zunächst außer der Reihe: ein Literaturtipp. Der hat zwar auch was mit Theater zu tun (am Samstag ist Premiere in der DT-Box). Aber vor allem ist es mein Buch des Jahres 2011 (obwohl es von 2010 ist, aber manchmal brauche ich etwas länger), ein so hinreißend komisches und zutiefst berührendes Buch, dass ich es wirklich jedem empfehle: Tschick von Wolfgang Herrndorf. Zwei 14-jährige Außenseiter gurken mit einem geklauten Wagen durch Ostdeutschland – rasant und selbstironisch geschrieben und so spannend, dass man es nach einem Drittel etwa nicht mehr aus der Hand legen kann, und sei es mitten in der Nacht. Eine Feier des Lebens auch und seiner Möglichkeiten.

Ansonsten: An der Schaubühne hat Alvis Hermanis die Spur Puschkins aufgenommen und dessen so ironie- wie lebenssatten Versroman Eugen Onegin soziohistorisch untermauert. Kein Tschaikowski-Schmelz, sondern zunächst Erläuterungen: Da sitzen die Schauspieler in Alltagsklamotten auf der pittoresk historisch ausgestatteten Panoramabühne und erzählen, wie die Leute damals gestunken haben, wie viele Affären Puschkin vor seiner Hochzeit hatte und wie das mit den modischen Ohnmachten war. So nach und nach erst schlüpfen sie in ihre opulenten Kostüme und Rollen, und erstaunlicherweise funktioniert dieses Einfühlen gut – und imitiert so Puschkin, der sich seine Helden mit Ironie vom Leib zu halten versucht, man aber trotzdem mit ihnen mitfiebert. Bestimmt nicht der spannendste Abend auf Berliner Bühnen (im Sinne von: immer auf der vordersten Stuhlkante...), aber einer der interessantesten.

Nur an einigen Wochenenden im Dezember und Januar läuft ein echter Knüller, der unbedingt Geschmackssache ist, aber wer Castorf'sche Überforderungen mag und das Weiterdenken von Texten schätzt, der dürfte in der bis-zu-elf-Stunden-Version von John Gabriel Borkman im Prater einen unerschöpflichen Quell der Schaulust und des Nachdenkens haben. In einer schrägen Bilderbuchlandschaft mit Puppenhaus wiederholen fiese Masken elektronisch verzerrte Sätze in Endlosschleife, rattern Papppanzer vorbei, weiten sich Borkmans nietzscheanischen Übermensch-Anfälle zum Weltenbrand, während der Sohn mit funktionierendem Kindchenschema zwischen den zwei Mutter-Megären zerrieben wird. Für fortgeschrittene Theatergeher also ein absolutes Must, zumal es wohl nicht zum Theatertreffen eingeladen wird (obwohl es sollte, weil: wenn etwas "bemerkenswert" ist in all seiner Überforderung, dann das). Wer sich nicht sicher ist: Auf nachtkritik.de hat sich unter der Kritik ein aufschlussreiches Streitgespräch der Kommentatoren ergeben, das ziemlich genau abbildet, was los ist.

Daneben habe ich nicht viel gesehen, was einer Erwähnung wert wäre, zumal ich mit der Betreuung eines schönen Festivalblogs und meiner ersten Radio-Opernkritik beschäftigt war oder Sachen gesehen habe, die jetzt nicht mehr laufen (darunter internationale Festivalproduktionen und Hikkikomori in der DT-Box, leider abgespielt). Sollte jemand seinen Eltern unbedingt Boulevard-Karten schenken wollen (und selbst ein Mitgehen erwägen), dann ist neben dem schon empfohlenen Besuch bei Mr. Green am Schlossparktheater auch ROT am Renaissance-Theater sehenswert. Manchmal würde man sich von Dominique Horwitz und Benno Lehmann zwar etwas mehr Sprachgestaltung wünschen, aber das Stück über den alternden Mark Rothko ist ziemlich gut und die Inszenierung in Ordnung. Außerdem gibt's kein Seifenopern-Happy-End: Da hat man anschließend noch was zu diskutieren... :)

Herzliche Advents-Grüße
Georg


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