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Kulturtipps

Kulturtipps Oktober 2011

Liebe Freunde des (Berliner) Theaters,

ja, ich bin spät dran mit meinen aktuellen Kulturtipps. Aber es war auch viel los im wilden September und etwas ruhigeren Oktober. Jetzt also gibt es meine neuesten Erkenntnisse über die angebrochene Saison:

Die erfreulichste Berliner Theaterpremiere bis jetzt war The Day Before the Last Day an der Schaubühne, eine Art Fortsetzung von Dritte Generation daselbst. Wieder arbeitet Yael Ronen mit einem deutsch-israelisch-palestinensischen Team, diesmal geht's um Religion. Das Feine: Immer dann, wenn der Abend droht, zwischen Kabarett und Comedy in wohlfeile Glaubensbelustigung abzugleiten, kommt irgendeine raffinierte Wendung und dreht das Ganze in eine Richtung, die zum Denken, zum sich Positionieren zwingt.

An der Volksbühne gibt's einen schönen, typischen Marthaler, +- 0 geheißen, aber nun ja: Wenn man noch nicht so viele Marthaler-Abende geguckt hat, dann nix wie hin, sonst isses halt wie immer, diesmal noch etwas unterkühlter und strenger – am besten, man ist ausgeschlafen. Ähnliches gilt daselbst für Frank Castorfs neuesten Dostojewski-Streich Der Spieler: grandiose Szenen mit Sophie Rois und Kathrin Angerer, zum Teil auch mit dem immer am Rand des Wahnsinns balancierenden Alexander Scheer. Aber Die erste halbe und die letzte Stunde (von fünf!) könnte man ersatzlos streichen. Wer also Sitzfleisch hat und am Besten seinen Dostojewski im Kopf, der wird eine gute Zeit haben. Eine ganz sicher grandiose Zeit schenkt uns, ebenfalls in der Volksbühne, Herbert Fritsch mit dem Boulevardkracher Die spanische Fliege: Lauter Lieblingsschauspieler (Wolfram Koch, Sophie Rois, ChrisTine Urspruch) verrenken sich, knautschen sich wie Gummipuppen zurecht und versuchen dabei, ihr Gesicht zu wahren, sie krächzen, brüllen und säuseln, fliegen durch die Luft, legen sich lang – und das alles auf einem riesigen Teppich, der die ganze Bühne bedeckt und in den ein Trampolin eingebaut ist. Wäre mein Tipp des Monats geworden, hatte allerdings schon kurz vor der Sommerpause Premiere. Unbedingt hingehen, ist ein Spaß für die ganze Familie, also in gewisser Weise sogar schwiegerelterntauglich.

Auch nicht gerade taufrisch, aber erst jetzt von mir nachgeholt und unbedingt sehenswert: Kinder der Sonne am Deutschen Theater, Regie: Stephan Kimmig und Onkel Wanja daselbst, Regie: Jürgen Gosch selig. Beide Abende sind äußerst spannend und von einer schmerzlichen Schönheit, die mich berührt hat.

Kann man, muss man nicht

Daneben habe ich wenig gesehen, dass mich wirklich beeindruckt hat. Ja, Jeder stirbt für sich allein nach Hans Fallada von Jorinde Dröse am Gorki mochte ich streckenweise ganz gerne, Kriegenburgs Winterreise am Deutschen Theater hat vor der Pause seine poetischen Momente, Nurkan Erpulats Das Schloss folgt Kafka angenehm detailreich und mit einer tollen Auftaktszene, schafft es aber nicht mal ansatzweise, eine kafkaeske Stimmung heraufzubeschwören.

Ausgerechnet das Boulevard-Theater hat mir einen tollen Abend gebracht (aber dass ich eine alte Kitschnudel bin und zum Gefühlsdusel neige, wird kaum einem entgangen sein): Besuch bei Mr. Green im Schlossparktheater ist ästhetisch etwas altmodisch (aber ach nicht altmodischer als am Berliner Ensemble), besticht aber durch eine (mich aus biographischen Gründen) bewegende Geschichte und einem phänomenalen Michael Degen. Kann man also gut anschauen - gerade auch mit der Groß- oder Schwiegermutter.

Opernseitenblicke

Gut drauf sind auch gerade Berlins Opern: An der Komischen Oper gibt's eine tolle Calixto-Bieto-Inszenierung von Poulencs Gesprächen der Karmelitinnen, eine meiner Lieblingsopern: Von ein paar wenigen Ideen abgesehen (bis heute weiß ich nicht, was die Verrückte da soll) gibt's da eine ideale Symbiose von Musik, Stimmen, Orchester und Szene. Gleiches gilt für Janaceks Das schlaue Füchslein daselbst, inszeniert von Andreas Homoki und für Aus einem Totenhaus, auch von Janacek, an der Staatsoper und in der Regie von Altmeister Patrice Chereau. Sir Simon dirigiert und auf der Bühne im Schillertheater spielen sie, als gälte es ihr Leben. Alle drei Inszenierungen sind also auch tauglich für Menschen, die sonst Probleme haben mit hohlen Operngesten...

Wanderer, kommst Du nach Ha...
 
In Hamburg nämlich habe ich eine beglückende Erfahrung gemacht: Einer meiner Lieblingsregisseure hat Tankred Dorsts Menschheits- und Zivilisationsepos Merlin oder Das wüste Land am Thalia Theater inszeniert. Auch, wenn der lange Abend in der letzten halben Stunde etwas absäuft (aber auch das ist dramaturgisch begründet: da muss der große Zauberer und Strippenzieher die Klappe halten, während die Menschlein sein Werk herunterwirtschaften), war's für mich das beeindruckendste Erlebnis der neuen Saison. Nur zur Erinnerung: Das Prinzip Meese, Der Geisterseher und Rocco und seine Brüder in Nunes' Regie laufen alle noch am Gorki Theater.

Und dann noch...

Für die Freunde von Listen: Ich hab mal eine Top Ten der Berliner Inszenierungen zusammengestellt, die ich in der vergangenen Saison gesehen habe:

1. SheShePop und ihre Väter: Testament, HAU
2. Rael Yonen: Dritte Generation, Schaubühne
3. Antù Romero Nunes: Rocco und seine Brüder, Maxim Gorki Theater
4. Nicole Oder: Arabqueen, Heimathafen
5. Stephan Kimmig: ÜberLeben, Deutsches Theater
6. Herbert Fritsch: Die spanische Fliege, Volksbühne
7. Joachim Mayerhoff: Alle Toten fliegen hoch 1-6, Maxim Gorki Theater
8. Nurkan Erpulat: Clash, Deutsches Theater
9. Nicolas Stemann: Die heilige Johanna der Schlachthöfe, Deutsches Theater
10. David Marton: Heimkehr, Schaubühne

Naja, so ungefähr. Kann man auch sofort wieder streichen. Eigentlich sind Listen ja blöd. Aber...

Und für alle Tipps gilt wie immer: Ein Überprüfen erfolgt wie immer auf eigene Gefahr. Ich übernehme keine Haftung...

Herzliche Grüße in den Herbst
Georg


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