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14.12.2010

Nürnberger Nachrichten: Der Teufel isst gerne einen Hamburger

Musikalischer Doppeltriumph in Berlin: An der Deutschen und der Staatsoper werden mit „The Rake’s Progress“ und den „Trojanern“ zwei Meisterwerke inszeniert, die es nie ins Kernrepertoire geschafft haben. Szenisch überzeugen die Versuche nur bedingt.

Hier steckt der Teufel im Detail: In der Hintergrund-Projektion küsst sich ein Paar eine kleine Ewigkeit lang, im Chor und auf der roten Couch werden lasziv Bananen geschält und auf den Bildschirmen vorne verdrückt Andy Warhol teilnahmslos einen Hamburger – Warhols Werke und seine Dekadenz sind überall. In dieses skandalöse Factory-Wunderland voll Koks, Transen und Prostituierten entführt der mephistophelische Nick Shadow mit Warhol-Perücke und Hüftschwung den blonden Bengel Tom Rakewell, der im Wohnwagen-Puff der Mother Goose in die Weihen der körperlichen Liebe eingeführt wird, während seine Anne verzweifelt nach ihm sucht.

Ziemlich popart- und videolastig bebildert Krzysztof Warlikowski Igor Strawinskys einzige abendfüllende Oper „The Rake’s Progress“ an der Berliner Staatsoper im Schillertheater. Der polnische Regisseur, der in München 2007 mit einem schwulen „Eugen Onegin“ und halbnackten Cowboys für einen kleineren Skandal sorgte, erzählt die Geschichte vom verführten Landjungen, der zum Wüstling mutiert, als Parodie auf den amerikanischen Traum und dessen Suche nach dem individuellen Glück.

Dabei kann Warlikowski auf eine ideale Besetzung zurückgreifen: Florian Hoffmanns Tom entwickelt sich vom Halbstarken im Marlon-Brando-T-Shirt mit glockenhellem, nur gelegentlich überforderten Unschulds-Tenor zum gelehrigen Schüler von Nick. Der ist bei Gidon Saks ein waschechter Kraftbass-Dandy, der an Tom herumfummelt und ihn nicht erst in der Hölle verfrühstücken möchte, während Anna Prohaska als Liz Taylor im Wandel der Zeiten mit ihren Liebeskantilenen emotionale Kraftzentren baut.

Nicht alles geht auf bei Warlikowski, szenenweise verrennt er sich im Ungefähren, setzt auch zu sehr auf emotionale Stringenz, wo etwas mehr Ironie gut getan hätte. Dass der Chor auf einer Kinotribüne im Hintergrund hocken muss (ach ja: Amerika, die Traumfabrik), stört vor allem die Feinabstimmung mit Ingo Metzmacher. Der Neue-Musik-Spezialist und Dirigent des Jahres stürzt sich mit größtmöglicher Akribie auf Strawinskys neoklassizistische Partitur, bringt sie zum Flirren, zum Leuchten – und lässt den Sängern doch Entfaltungsspielräume.

Wie auch Donald Runnicles, der an der Deutschen Oper mit seinem Riesenorchester einen veritablen Klangzauber in feinsten Schattierungen entfesselt. Hector Berlioz gut fünf Stunden dauerndes Mammutwerk „Die Trojaner“, mit denen sich Nürnbergs Intendant Peter Theiler aus Gelsenkirchen verabschiedete (und das sicher auch für Nürnberg auf seinem Wunschzettel steht), eignet sich auch viel besser zum Rausch als Strawinskys ironischer Streifzug durch die Musikgeschichte. Es geht ums große Gefühl, um antikes Pathos, und genau hier liegt die Stärke von David Poutneys Inszenierung: Wenn der formidable, grell aufbrausende wie lieblich säuselnde Chor in einer der vielen Massenszenen aus dramatisch beleuchtetem Nebel die Rampe hinabstürmt, dann ist das ebenso eindrucksvoll wie jene Szene, in der die zerbrechliche Dido von den trojanischen Soldaten umringt wird, hinter denen sich Aeneas feige versteckt. Beeindruckend auch, wenn Dido und Aeneas im berückenden Liebesduett in zwei Stahlkreisen durch einen Sternenhimmel schweben, sich dabei aber nie wirklich begegnen.

Jenseits dieser Überwältigungsstrategien langweilen betriebsamer Leerlauf und hohler Opernpathos, ziehen im braungrauen historischen Ungefähr der Bühne sinnleere Ballett-Leibesübungen die Chose in die Länge, ohne etwas zur Geschichte beizutragen. Vokal setzen vor allem die Riesenpartien Akzente: Ian Storey schlägt sich als Aeneas tapfer, aber etwas steif durch seine Heldentenorpartie, Petra Langs Kassandra gellt beeindruckend Hysterie, wenn sie nicht gerade an einem Pferdekopf strickt. Einzig aber Béatrice Uria-Monzon als eleganter Karthager-Königin Dido gelingt der Spagat zwischen szenischer und stimmlicher Wahrhaftigkeit, zwischen sinnlicher Hingabe und rachewahnsinnigem Aufbrausen. Den eigentlichen Coup aber landen Chor und Orchester, die heftiger umjubelt werden als die Stars – und Runnicles, als der damit endgültig an seinem Haus angekommen ist.


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