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27.02.2012

Berliner Morgenpost: Das Leben ist ein Drachen – und ein Asia-Fastfood

Am Ende, als die Schauspieler die Bühne verlassen haben, kommt ein asiatischer Postmann herein, öffnet einen der Kartons, die sich in der Ecke stapeln, und bläst einen goldenen Drachen auf, der sich zur bühnenfüllenden Größe aufbläht.

Ein ironischer Kommentar, den sich Regisseurin Brit Bartkowiak da für ihre Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs preisgekröntem Bühnenhit "Der goldene Drache" in der Box des Deutschen Theaters ausgedacht hat. Schimmelpfennig skizziert die Bewohner eines Hauses, unten das asiatische Restaurant, oben das banale Leben und dazwischen Sehnsüchte, Träume, Blut und Tränen, die sich auf geradezu absurde Weise kreuzen.

Das Globalisierungsmelodram - während ein junger Chinese an einer Zahnwunde verblutet, wird seine Schwester nur eine Tür weiter brutal vergewaltigt - versteckt sich hinter einer kühlen Form: Fliegend wechseln die Schauspieler Rollen und Perspektiven. Mit ihren acht UdK-Studierenden bricht Bartkowiak, Regieassistentin am DT, das zuweilen etwas starre Stück-Schema auf: Da fallen sich die Darsteller gegenseitig ins Wort, greifen ein, spielen sich in den Vordergrund. Chorische Passagen wechseln mit leicht überzeichneten Miniaturen, die gern gegen den Strich besetzt sind. A-capella-Klangflächen skizzieren Stimmungen, nur wenige Requisiten, die sich hauptsächlich aus Asia-Fastfood rekrutieren, reichen für die vielen kleinen Erzähl-Bruchteile. Immer wieder drücken die acht Darsteller aufs Tempo und erzählen das seifenopernde Anti-Märchen in knapp 90 Minuten. Dem Stück bekommt das erstaunlich gut. Und auch, wenn einige etwas souveräner agieren als andere - als Ensemble-Leistung ist dieser "Goldene Drache" ein toller Abend, der es locker mit anderen Inszenierungen des Schimmelpfennig-Stücks aufnehmen kann.


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