Archiv Referenzen

01.03.2012

Berliner Morgenpost: Faust nimmt Drogen, um wieder zurück in den Chor zu kommen

Es gibt ja kaum einen Text, den man nicht inszenieren könnte: Selbst das Hamburger Telefonbuch hat es schon auf die Bühne geschafft. Bei manchen sollte man sich aber vorher fragen, was man damit will - und ob's wirklich sein muss.

Zum Beispiel bei Einar Schleefs "Droge Faust Parsifal": Auf 500 engbedruckten Seiten schreibt der 2001 gestorbene Regisseur, Schriftsteller und Fast-alles-Künstler hier über seine Chor-Ästhetik, mäandert von der griechischen Tragödie über Shakespeare und Goethe zu Heiner Müller und wird gegen Ende autobiographisch.

An dem Riesenessay interessiert Armin Petras allerdings nur die Behauptung, dass Faust angeblich Drogen nimmt, um wieder zurück in den Chor zu kommen. Also tut er in 90 Minuten viel, um diese These zu beweisen. Anja Schneider, Thomas Lawinky und Berndt Stübner (die beiden letzten vom koproduzierenden Centraltheater Leipzig) hangeln sich durch die berühmtesten Stellen aus "Faust I", dessen Monologe man schon inspirierter gesprochen gehört hat, spritzen dabei ordentlich mit Kunstblut und Alkohol herum, verwüsten die Bühne des Gorki Studios zudem mit Popcorn, Tabletten und Ascheflocken.

Am Ende bleibt kaum etwas ganz auf der kleinen Bühne, die eine Art abgeschmackte Hotellobby zeigt, in der am Anfang ein unbedarftes Spießerpaar ehrfürchtig dem alten Genie begegnen. Allmählich verwandeln sie sich in Gretchen, Mephisto und Faust, wechseln mehrfach die Kostüme und befragen die Goethe-Verse. Ihre Erkenntnisse gehen nicht über die eines Proseminars heraus und bleiben genauso trocken. Natürlich ist das einmal ein Schmunzler, wenn Faust bei Nennung einer Phiole zur Whiskey-Flasche greift. Aber in der Wiederholung nerven die platten Anspielungen auf zeitgenössische Drogen, auf Exzess und Entzug.

Das Prinzip des Faust-Schnelldurchlaufs bei 90 Prozent Goethe und 10 Prozent Schleef ist schnell klar, wird aber dennoch höchst uninspiriert durchexerziert und illustriert, zum Beispiel von platt doppelnden Videoeinspielungen im Hintergrund. Oder von Lawinky, dem Bühnenberserker, der gerne mal anfallsartig japst und würgt und sich ganzkörperlich windet, wenn er einen Schluck aus der Pulle genommen hat. Gegen Ende spricht Stübner relativ unvermittelt ein paar der autobiographischen Sätze Schleefs, da beginnt man beinahe, sich für die Angelegenheit und ihren Schöpfer zu interessieren. Aber dann folgt die nächste Krampforgie - und der peinliche Abend ist aus.

Das beste an diesem Ausrutscher: Das ganze Wochenende stand am Gorki im Zeichen Einar Schleefs. Im Schatten der Tagebücher-Nacht und der Wiederaufnahme von Petras' großartiger "Gertrud"-Inszenierung fällt "Droge Faust" vielleicht gar nicht auf.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung