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02.03.2012

Berliner Morgenpost: Ein pubertierender Fanatiker

Wenn etwas dem Geheimnis der Religion nahekommt, dann vielleicht Musik: Nahezu vollkommen schichten sich die Schauspielerstimmen zu komplexen Gebilden, schweben angenehm flirrend im Raum.

Ihre Intensität berührt, und die paar Takte Verdi, Bach und "Wonderful World", unterstützt von Harmonium und Gitarren, geben einen Eindruck davon, was das im besten Falle heißen könnte: zu glauben.

Doch Marius von Mayenburg, Haus-Autor und Dramaturg an der Schaubühne, hat für sein neuestes Stück "Märtyrer" ohnehin den schlechtesten Fall angenommen: Der spätpubertierende Benjamin entpuppt sich als christlicher Fanatiker, und während ein Großteil seiner Umwelt das als jugendliche Verwirrung abtut, nimmt die Biologielehrerin den Kampf auf und wird darüber selbst zur Eiferin.

In seiner Grundanlage hat "Märtyrer" das Zeug zur flotten Farce. Aber Mayenburg will mehr als noch in "Perplex", jenem reuefreien Gruselboulevard, den er vor eineinhalb Jahren ebenfalls selbst an der Schaubühne inszenierte. Offensichtlich glaubt er an die papierne Grundkonstellation seines Stücks. Also hetzt er Bernardo Arias Porras' Benjamin von Station zu Station, die Nina Wetzel ins Halbrund der Bühne gestellt hat: etliche Schulbänke, dazwischen Couch, Harmonium und ein Skelett; in der Mitte finden an der langen Tafel die Direktorengespräche statt. Über allem schwebt schön ironisch ein Neonröhren-Lüster als überdimensionierter Heiligenschein.

Der schlaksige Arias Porras mit Jesusmähne also gestikuliert bedrohlich mit den Armen, wirft mit den schärfsten (und natürlich völlig aus dem Zusammenhang gerissenen) Bibeltexten um sich und steigert sich dabei in eine Hysterie, die jedem Jugendtheaterclub zur Ehre gereichte. Was Benjamin eigentlich antreibt, bleibt im Dunkeln. Benjamin zu Füßen liegen bald sein ihm homoerotisch ergebener Jünger Georg und die tussige Mitschülerin Lydia, seine Mutter schiebt die Verantwortung den Lehrern in die Schule, der Pfarrer will einen Missionar aus Benjamin machen und der aasige Direktor findet einige der Kreationismus- und Macho-Thesen des Jungen nachvollziehbar. Schließlich gibt es einen Toten und die Lehrerin, die plötzlich alle gegen sich hat, knallt völlig durch.

Klischees, wohin man blickt: Robert Bayer blafft einen Macho-Direktor hin, Jenny Königs Lydia macht große Augen zum süßen Stimmchen, und wenn Urs Juckers verklemmter Pfarrer Judith Engels Mutter die Hand zum Segen auf den Scheitel legt, dann inszeniert Mayenburg das als quasi-sexuellen Akt.


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