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03.03.2012

Berliner Morgenpost: Kleine Dramen im Doppelzimmer

Knarzende Dielen, verwinkelte Korridore, ein altmodisches Wählscheibentelefon - die Atmosphäre im Hotel Bogota in Berlin-Charlottenburg ist durch und durch geheimnisvoll. Jan-Christoph Gockel findet den Ort so einzigartig, dass er hier fünf Mini-Dramen inszeniert.

Wer im Charlottenburger Hotel Bogota unweit des Kurfürstendamms absteigt, tut das kaum wegen des Komforts. Viele Zimmer haben kein eigenes Bad, optimal geschnitten würde man sie auch nicht gerade nennen. Aber das Bogota besitzt, was den meisten Unterkünften heute fehlt: eine faszinierende Aura, englische Verschrobenheit und eine ziemlich deutsche, wechselvolle Geschichte.

Einigen dieser Ereignisse geht nun das Autorenprojekt „Hotel Bogota“ nach, das beim Festival Internationale Neue Dramatik (FIND) der Schaubühne gezeigt wird. Fünf europäische Nachwuchsautoren haben kurze Szenen von zehn bis fünfzehn Minuten Länge geschrieben; dem Auftrag lag ein Dossier über die Hotel-Geschichte bei. Dennoch waren die Dramatiker in ihrer Gestaltung völlig frei. Am engsten bleibt der Franzose Sylvain Levey an der Haus-Geschichte, wenn er die Fotografin Yva, die hier in den 30ern lebte und arbeitete (und später von den Nazis ermordet wurde) und ihren Schüler Helmut Newton aufeinandertreffen lässt. Mercè Sarrias aus Spanien skizziert einen Hoteldirektor, der einsam durch die Korridore seines Hauses irrt: Schauspieler David Ruland wird bei seiner Umsetzung das Haus zum Star machen.

Jetzt steht Ruland aber erst mal neben dem echten Hotelchef. Joachim Rissmann, ein freundlicher Herr mit rundlicher Brille, führt ein Team der Schaubühne durch sein Haus. Ein Familienunternehmen: Seine Eltern hatten 1976 die damals vier Hotels zusammengeführt, auch seine Frau und seine Schwester arbeiten mit. Er selbst residiert in einer Wohnung unterm Dach, die über eine elegant geschwungene Treppe in jener Halle zu erreichen ist, in der einst Yva fotografierte. Jetzt hängen dort etliche ihrer Werke.

„Das Haus hat ein unverwechselbares Gesicht“, sagt Rissmann. Und eine wechselvolle Geschichte: 1942 bis 1945 wurde es Sitz der ausgebombten Reichskulturkammer. Ihr Chef Hans Hinkel übte die Aufsicht über alle Kulturschaffenden in Deutschland aus. Sein Schreibtisch stand im Salon: Heute reihen sich an den Wänden Bücher, plüschige Sessel und Beistelltischchen verströmen eine eher gemütliche Atmosphäre.

Während Rissmann durch eine kleine Auswahl der 114 Zimmer, Hallen und Salons führt, macht sich Regisseur Jan-Christoph Gockel Gedanken um die Umsetzung der kurzen Stücke. In Zimmer 433, in dem Stars wie Rupert Everett absteigen (er bezeichnet das Haus als sein Lieblingshotel), werden sich ein Gast und ein Zimmermädchen begegnen. Dann soll der Parcours über die Dienstbotentreppe zum Zimmer 302 führen, wo einst Gustaf Gründgens vorsprechen musste: Nach 1945 saß hier die Kammer der Kulturschaffenden und dann der Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands, der für die Entnazifizierung er Künstler zuständig war. Erst 1964 gründeten sich hier vier Hotels, von denen einzig das Bogota überlebte.

„Ich finde, wenn man das Hotel betritt, verliert man sofort die Orientierung. Das sollten wir uns zunutze machen“, sagt Gockel. Und tatsächlich fühlt man sich in den immer wieder in seltsamen Aufenthaltsräumen mit kleinen Balkonen und Treppchen mündenden Korridoren wie in einem Krimi-Setting: Bei jedem Schritt knarzen die Dielen unterm rankenreichen Teppich. Gemälde und Antiquitäten, Intarsienfußböden und Stuckdecken führen in die Zeit, als die Schlüterstraße 45 noch ein prachtvolles Wohnhaus war. Im Foyerbereich, in dem heute, morgen und Dienstag die Besucher in Fünfer-Gruppen zum Parcours aufbrechen werden, gibt es sogar noch eine Zelle mit einem altmodischen schwarzen Wählscheibentelefon und gurgelnd schrillendem Klingelton – fehlt nur noch ein Edgar-Wallace-Mörder.

Schon im vergangenen Jahr inszenierte Gockel, Jahrgang 1982, das FIND-Autorenprojekt, auch damals an einem besonderen Ort: In mehreren Autos vor der Schaubühne verfolgten jeweils drei Menschen die kurzen Szenen. Seit 2008 arbeitet er an der Schaubühne, da studierte er noch Regie an der „Ernst Busch“-Hochschule und stellte einige der „Deutschlandsaga“-Stücke auf die Bühne. 2009 folgte die Uraufführung von Nina Enders „Die Wissenden“, zuletzt „Der talentierte Mr. Ripley“. Szenische Lesungen findet er langweilig, deshalb sieht er es auch als seine Aufgabe an, den besonderen Ort lebendig werden zu lassen: „Mich fasziniert geschichtete Geschichte. Diese Hotel-Atmosphäre ist außerdem sehr intim, man betritt fremde Leben.“ Zudem gibt's da noch den Gruselfaktor: „Man hört immer komische Geräusche.“ Und tatsächlich tönt jetzt, als wir etwas hinter der Gruppe zurückbleiben und am Fenster zum Lichthof stehen, von fern sakraler Gesang.

Das Hotel ist nicht zum ersten Mal Theaterschauplatz. 2002 zeigten die Berliner Festspiele hier Judith Kuckarts „Blaubart wartet“, außerdem wurden hier die Videos für Thomas Ostermeiers Inszenierung von „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ gedreht. Überhaupt fühlt sich Rissmann der Kultur verpflichtet: Weil hier einst Jazz-Legende Benny Goodman gespielt haben soll, gibt's dienstags Swing, wechselnde Foto-Ausstellungen berufen sich auf Yva. Kein Zufall ist der Kontakt zur Schaubühne: Rissmanns Eltern sind Mitglieder im Freundeskreis des Theaters. Das zeigt bei der diesjährigen FIND-Ausgabe vom 1. bis 11. März neben dem Autorenprojekt allerdings wenig Neues: Mit Jack Thornes „Bunny“ findet sich nur eine Premiere unter etlichen Gastspielen, bei denen prominente Regisseuren wie Thomas Ostermeier, Krzysztof Warlikowski und Ivo van Hove auf Bearbeitungen und Neudichtungen statt neuer Dramatik setzten. Aber vielleicht ging es den Festival-Organisatoren ja wie den Gästen des Bogota: Manchmal besitzt Patina eben einen ganz eigenen Charme.


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