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01.02.2012

amnesty journal: Der Soundtrack des Völkermords

Das Theaterprojekt "Hate Radio" wirft ein Schlaglicht auf die Propagandamaschine
des Völkermords in Ruanda.

Am Ende sind es die kleinen Gesten und beiläufigen ­Momente, die sich ins Gedächtnis fressen: Der Aufruf "Courage!", also: Mut!; die Nachrichten, in denen die Ergebnisse der Fußballweltmeisterschaft und der Tour de France verkündet werden; die Pistole, die wie beiläufig auf dem runden Tisch liegt. Drei Personen sitzen hier vor ihren Mikrofonen, zwei Männer, eine Frau. Sie reden, lachen, machen Witze, knabbern Nüsse, räkeln sich, rauchen. Es sind die Moderatoren des Radiosenders RTLM, einer Propagandaschleuder, die den Völkermord der Hutu an den Tutsi mit ermöglicht hat.

Bis heute ist unfassbar, wie es 1994 dazu kommen konnte, dass in Ruanda Menschen plötzlich ihre Nachbarn abschlachteten, ihre Mitschüler und Kollegen kaltblütig jagten, quälten und ermordeten, Menschen, die zum selben Gott beteten und dieselbe Hautfarbe hatten. Zwischen 800.000 und eine Million Angehörige der Tutsi-Minderheit und Tausende gemäßigte Hutu kamen innerhalb von drei Monaten ums Leben. Bis heute dauert die Aufarbeitung dieses Genozids an, der auch das moralische Gewissen des Westens erschütterte - weil die in Ruanda stationierten Blauhelmsoldaten kein Mandat zum Eingreifen hatten, sahen sie dem Gemetzel tatenlos zu.

Siebzehn Jahre nach dem Massaker vermittelt ein Theaterprojekt jetzt auf atemberaubende Weise eine Idee davon, warum damals alle ethischen Dämme brachen. In dem Stück "Hate Radio" zeigt das Internationale Institut für politischen Mord (IIPM) von Regisseur Milo Rau und Dramaturg Jens Dietrich die Mechanismen des Völkermords auf. Aus 1.400 Seiten Abschriften, die im Rahmen des Prozesses gegen die sogenannten Hassmedien von allen RTLM-Sendungen angefertigt wurden, kondensierten Rau und Dietrich eine exemplarische einstündige Sendung.

Die Form des "Reenactments", also der Wieder-Inszenierung konkreter geschichtlicher Ereignisse in möglichst authentischer Weise, ist nicht neu. Während sich in den USA das Nachstellen von Schlachten und ähnlichen Massenereignissen zu einer Art Volkssport entwickelt hat, geht es dem IIPM bei seinen "Re­en­act­ments" nicht um eine bunte Geschichtsstunde, es sieht sich vielmehr in der Tradition des dokumentarischen Theaters von Peter Weiss. So rollte das Institut zum Beispiel in seinem Stück "Die letzten Tage der Ceauşescus" 2009 den Prozess gegen ­Rumäniens Diktatorenpaar in einer getreuen Nachbildung der Militärbaracke auf.

In "Hate Radio" rauscht einem nun der rhythmussatte Soundtrack des Völkermords um die Ohren. Jeder Zuschauer ­erhält zu Beginn des Stücks einen Empfänger mit Kopfhörer. Im Saal des Berliner Theaters HAU2 blickt man in einen Glaskasten, in dem das bis ins kleinste Detail rekonstruierte RTLM-Studio zu sehen ist: der schmucklose Raum mit den drei Moderatoren und einem stummen Wachsoldaten, daneben eine Kammer mit dem DJ. Viel geschieht nicht. Es wird vor allem geredet, auf Französisch und Kinyarwanda (mit deutschen Übertiteln). Während der Lieder stecken die Moderatoren die Köpfe zusammen, stehen auch mal auf, gehen durch den Raum, suchen Papiere zusammen, rauchen Gras - Radioalltag mit Spaßfaktor.

Draußen zirpen Grillen, rauscht Regen, drinnen werden die angesagten Songs der frühen neunziger Jahre aufgelegt, "I Like to Move It" von Reel 2 Real und "Rape Me" von Nirvana. In die lockere, aufgekratzte Plauderstimmung platzen die Hasstiraden - wie eine Werbekampagne wurde auf RTLM über Monate der Völkermord vorbereitet und begleitet. Valerie Bemeriki etwa ­redet davon, dass sich ein Tutsi nicht freikaufen könne: "Man muss ihn töten, man muss ihn schlicht und einfach töten. Denn was hier in Ruanda geschieht, ist noch nie dagewesen. Nirgendwo auf der Welt hat eine Minderheit es je gewagt, die Waffen ­gegen die Mehrheit zu erheben, um sie auszurotten." Und Kan­ta­no Habimana, der Chefideologe, fällt ihr eifernd ins Wort: "Ja, sie sind eine verkommene Rasse. Das sind Menschen, die ausgerottet werden müssen, denn es gibt keinen anderen Weg, als sie auszurotten und in die Flüsse zu werfen.

Es ist eine perfide Logik, derer sich die Moderatoren bedienen: Die anderen, die Tutsi, die "Kakerlaken", die in Ruanda ­lange Zeit die Führungselite stellten, sind Rebellen und müssen deshalb sterben. Gerade weil man sie optisch nicht von den Hutu unterscheiden könne, weil sie ein unsichtbarer Fremdkörper in der Hutu-Rasse seien, müssten sie ausgemerzt werden. Absurd, dass ausgerechnet die Verfechter einer zutiefst rassischen Ideologie ihre Tutsi-Feinde wiederholt mit den Nazis ­vergleichen.

Anrufe gehen ein, ein elfjähriger Junge wünscht sich ein Lied, grüßt seine Familie - und berichtet, als würde er vor einer Radarfalle warnen, von Tutsi, denen er begegnet ist. Darauf Bemeriki: "Die Nachbarn von diesem Jungen, der bei Sinshoboye Bernard lebt, sollen sich bei ihm erkundigen, wo er sich von ihnen getrennt hat. Jagt sie!" Schon geht es weiter mit dem nächs­ten gutgelaunten Popsong und einer Runde Wunschkonzert. Wäre Hannah Arendts Begriff von der Banalität des Bösen nicht so abgedroschen, man hätte ihn für diese Szene erfinden müssen.

Eingerahmt wird das "Reenactment" von - ebenfalls nachgespielten - Zeugenaussagen, die auf die geschlossenen Jalousien des Glaskastens projiziert werden. Sie sprechen von hohnlachenden Grausamkeiten, von abgehackten Brüsten und Gliedmaßen, durchbohrten Leibern, vom Überleben in der Latrine, in einem Berg von Leichen. Sie fragen: Warum? Warum diese Grausamkeiten, dieses minutiöse Quälen? Warum dieses langsame Zerstückeln bei lebendigem Leib? Warum diese sexuelle Gewalt gegen Kinder, das systematische Aufspießen der Frauen, nachdem sie vergewaltigt wurden?

Andererseits verteidigen sich hier Georges Ruggiu, ein Belgier, der eher zufällig bei RTLM landete, und Bermeriki. Sie versuchen, ihr damaliges Handeln zu erklären: Nach dem Absturz der Präsidentenmaschine, der den Tutsi-Rebellen zugeschrieben wurde, habe Krieg geherrscht. Man glaubte, das Richtige zu tun. Beiden merkt man an, dass sie zutiefst gespalten sind - zwischen ihrem Schuldeingeständnis heute und ihrer Erinnerung an die wilde Zeit damals, als sie mächtig waren und alles möglich schien.

Ruhig sprechen die Schauspieler ihren Text, gespannt, aber sachlich. Drei von ihnen stammen aus Ruanda. Afazali Dewaele, der den DJ Joseph spielt, ist Hutu, sein Bruder war einer der Schlächter. Der Vater von Dorcy Rugamba, der den Chefideologen Kantano Habimana verkörpert, war als Dichter und Tutsi ­eines der ersten prominenten Mordopfer. Und Nancy Nkusi, die Valérie Bemeriki spielt, floh mit acht Jahren aus Ruanda. Bis heute haben ihre Eltern nicht mit ihr über den Genozid gesprochen.

Sie hat soeben in Belgien ihr Schauspielstudium am Konservatorium in Lüttich abgeschlossen, "Hate Radio" ist ihre ers­te große Produktion. Als er Nkusi auswählte, wusste Regisseur Milo Rau zunächst nicht, dass sie aus Ruanda stammt. Für die Schauspielerin bedeutete die Rolle eine schwierige Reise in die Vergangenheit: "Als ich das Skript las, war ich komplett schockiert." Dann las sie immer mehr über den Genozid, diskutierte mit den anderen Schauspielern: "Du musst wissen, wovon du auf der Bühne sprichst", sagt sie.

Nach Voraufführungen in Bregenz Anfang November reiste die Schauspieltruppe nach Ruanda und spielte im ehemaligen RTLM-Studio und in der Gedenkstätte "Kigali Memorial Centre". "Wir hatten große Angst, da hinzugehen", erzählt Regisseur Rau, der von der Gedenkstätte eingeladen wurde. "Nach der Vorstellung herrschte eine Stunde lang Schweigen." Die Sache sei auch nicht ungefährlich gewesen, immerhin existiert seit dem Genozid in Ruanda ein Verbot, die verschiedenen Ethnien überhaupt zu erwähnen. Bislang ohne großen Erfolg: Umfragen zeigen, dass ethnische Kategorien noch immer das Denken der Ruander beherrschen.

Auch für Nkusi war es ein besonderer und enorm bewegender Moment, in Ruanda zu spielen. Dort traf sie auch auf ihre Großmutter. "Ich denke, sie hat recht, wenn sie sagt: Es ist passiert, wir müssen weitergehen. Aber wir müssen uns daran erinnern, dass es passiert ist."

Pessimistischer klingt da ein Überlebender, der zum Abschluss des zweistündigen Theaterabends zu Wort kommt: "Ich glaube nicht an das Ende der Genozide. Ich glaube nicht, dass wir zum letzten Mal diese schlimmste aller Grausamkeiten erlebt haben. Wenn es einen Genozid gegeben hat, dann wird es noch viele geben."


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