Archiv Referenzen

10.03.2012

Berliner Morgenpost: Schubladendenken: She She Pop wagt den Ost-West-Frauendialog

Wenn eine Performance-Truppe wie She She Pop, die mit "Testament" vor zwei Jahren so radikal angstfrei den Generationendialog wagte (neben einer Theatertreffen-Einladung gab's auch den Friedrich-Luft-Preis), eine neue Produktion zeigt, dann sind die Erwartungen gewaltig.

Zumal bei vergleichbaren Voraussetzungen: Waren es in "Testament" drei ihrer Väter, die die Performer auf die Bühne holten, um mit ihnen witzig bis schmerzhaft die Knackpunkte einer sich verändernden Eltern-Kind-Beziehung durchzuspielen, haben sich She She Pop für "Schubladen" Ost-Kolleginnen ins HAU 2 eingeladen.

Also sitzen sich am Internationalen Frauentag jeweils eine in der BRD und eine in der DDR sozialisierte Performerin an Tischen gegenüber und plaudern sich durch ihre Vergangenheit. Wild geht es durch private Themen wie Erziehungs- und Emanzipationsfragen, familiäre Gründungsmythen, schulische Leistungen, den ersten Sex. Wann immer in einer der unzähligen Anekdoten ein Begriff auftaucht, der sich nicht von selbst versteht, ruft eine der Frauen: "Stopp! Erkläre", und dann definieren die Wessis "Dividende" und die Ossis "Brigadeleiter", rollen dafür auf ihren Stühlen ein bisschen vom Tisch weg und blicken leicht genervt ins Publikum - Nachhilfe in Selbstverständlichkeiten kann ziemlich anstrengend sein. Dass aber auch gut 22 Jahre nach dem Mauerfall von Selbstverständlichkeiten nicht die Rede sein kann, vor allem, was die geteilte Vergangenheit betrifft, macht dieser inszenierte Zusammenprall der Kulturen deutlich. Auch, wenn die Performerinnen unterschiedlich lange im geteilten Deutschland gelebt haben - die älteste ist Jahrgang 64, die jüngste 78 -, scheinen die Vorurteile und Aggressionspunkte ähnlich stark entwickelt. Denn die stecken so fest in virtuellen Schubladen wie die Erinnerungsstücke in realen: Vorne reihen sie sich auf Rädern aneinander, voll mit Büchern, Briefen, Fotos, Notizheften.

Zwischen Schwarzwaldklinik-Melodie und "Traumzauberbaum", russischer Folkore und John Lennons "Imagine" spannt sich dazu der Soundtrack auf Vinyl, West-Serien prallen auf Ost-Zeugnisse, während Heiner Müller und Kathi Witt zu grenzübergreifenden Ikonen verklärt werden. Wenn Nina Tecklenburg und Wenke Seemann in trauter Ost-West-Einigkeit Witts "Carmen"-Choreographie, mit der sie 1988 ihr Olympia-Gold verteidigte, auf Bürostühlen nachtanzen, dann gehört das szenisch zu den stärksten Momenten.

Inhaltlich berührt, wenn die oft funkelnd ironische, zuweilen harmlos plänkelnde Erinnerungsseligkeit an Schmerzpunkte gerät: Einmal erzählt Alexandra Lachmann, wie im September 1989 das Thema Ausreise diskutiert wurde - im politischen Kreis, wo jeder seine sozialistische Gesinnung beweisen musste. Hinten saß die stellvertretende Direktorin und schrieb mit.

Dann aber zieht das Tempo des klug getakteten Abends wieder an, und die spürbare Freude, die die sechs Frauen an ihrem Erinnerungsparcours haben, überträgt sich unmittelbar - jedenfalls über weite Strecken der guten zwei Stunden, die nur gegen Ende einige Längen haben. Natürlich lässt sich die Kraft der realen Väter nicht toppen, auch nicht mit Ost-Schwestern. Aber wieder einmal schaffen es She She Pop, dass man sich selbst kritisch befragt - und umgehend mit anderen ins Gespräch kommen will.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt