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13.03.2012

Berliner Zeitung: Im Soundtrack des Kapitalismus

Die Komische Oper gräbt Aubers Opéra comique „Das bronzene Pferd“ aus.

Wenn ein Vater von seinem „teuren Kind“ singt, muss das nicht immer metaphorisch gemeint sein: Tschin-Kao macht seine schöne Tochter Pe-Ki zu Geld und verscherbelt sie an den meistbietenden potenziellen Schwiegersohn – auch wenn der bereits vier andere Frauen hat und sein Bauch das ersetzt, was ihm an Haaren fehlt. Seine Gewinn steckt der neureiche Bauer in die protzige Möblierung seines Salons, einen pseudochinesischen Geschmacksalptraum in Weiß, Gold und Holzfurnier. Als Bild für die Gier, die hier zu Hause ist, recken die vielen Affenfiguren, die Gesims oder Beistelltisch tragen, ihre erigierten Penisse in die Höhe.

Daniel François Esprit Auber und sein Librettist Eugène Scribe haben mit dem „Bronzenen Pferd“ eine Oper über menschliche Triebe geschrieben, es geht um Macht, Geld, Sex und, zumindest ansatzweise, um Liebe. Die Geschichte spielt in einem Fantasiechina und ist so märchenhaft wie stereotyp: Die verscherbelte Pe-Ki liebt eigentlich einen armen Bauernburschen. Aus Verzweiflung über die lukrative Heirat schwingt der sich aufs Ross, das jeden, der es besteigt, ohne Retour-Ticket in den Himmel trägt. Als er doch zurückkehrt, darf er nichts erzählen, weil er sonst versteinert. Davon hört ein kaiserlicher Prinz, der im Himmel seiner Traumfrau zu begegnen hofft. Der Rest sind wilde Turbulenzen und die halbe Miete dieser aufs unterhaltsame Spektakel zielende Opéra comique.

Die französische Gattung diente einst Walter Felsenstein als Vorbild für die Namensgebung der Komischen Oper: Sie setzt auf gesprochene Dialoge und gewichtet sie wie die Musik. Als „Das bronzene Pferd“ 1835 uraufgeführt wurde, war sie in ihrer Mischung aus psychologiefreien, aber pointierten Handlungen und aufwändig wirbelnder Musik ein Erfolgsformat: Auber, heute bestenfalls für „Die Stumme von Portici“ bekannt, war damals einer der führenden Hit-Produzenten und machte mit seiner espritgeladenen Stangenware ordentlich Kasse. Und Scribes Schreibwerkstatt versorgte sowohl die Opernwelt wie die Theaterbühnen mit Stoffen.

Was bringt uns der schöne Schmarrn heute noch? Regisseur Frank Hilbrich wollte bei seinem Debüt an der Komischen Oper am Sonntag vor allem Spaß (was in etwa den Absichten der Schöpfer entsprechen dürfte) und ein bisschen Trieb-Spiegelung für’s Publikum. Also jagt er gleich zu Beginn ein paar Affen durch die Ouvertüre, die wild übereinander herfallen, während die beiden Pandabären, die da gemütlich am Bambus knabbern, nur die Köpfe schütteln. Die Affen kehren regelmäßig wieder, haben aber außer Dauergeilheit wenig zu bieten. So treiben’s alle?

Als Botschaft einer Oper ist das ebenso platt wie der fette Mandarin Tsing-Sing, den Tom Erik Lie im Fatsuit hinstolpern muss und der sich unappetitlich an allen möglichen und unmöglichen Stellen kratzt. Auch nicht subtiler Juri Batukovs Tschin-Kao, der sich gleich mehrfach mit Geldscheinen abreibt. Was schade ist, denn wenn diese Oper neben den durchaus pfiffig ratternden Melodien überhaupt etwas bietet, dann Charaktere, die gemacht sind für ironische Zuspitzungen.

Die gelingen Hilbrich bei Tao-Jin, der vierten Frau des Mandarins: Während die ersten drei Gattinnen als stumme Trampel hinter ihrem Meister herwatscheln, wallt Erika Roos als 30er-Jahre-Diva über die Bühne und gurgelt ihre Koloraturen so kraftvoll hin, dass einem angst und bange werden kann vor ihrer Wut. Ihre lustige Witwe im Kampf mit dem Trauerschleier, die sich Glitter werfend über den vermeintlichen Exitus des Gatten freut, gehört zu den besten Momenten des Abends.

Sie wirken ungleich stärker als jene, die Gefühle oder gar so etwas wie Liebe vorgeben. Annelie Sophie Müllers Pe-Ki kriecht anfangs so devot umher, dass man ihr ihren späteren „Fidelio“-haften Aufbruch zur Rettung des Geliebten nicht abnimmt – zumal wenn die Mühe dem stimmlich blassen und dauereingeschnappten Bauernburschen Stephan Bovings gilt. Dafür setzt sie ihren hellen, geradlinigen Mezzo mit subtilem Gespür für Timing ein: Wenn sie dem arroganten Prinzen Yang liedhaft vom Pferd erzählt, kommt endlich komische Dramatik in die Angelegenheit.

Das zweite Paar ist eine noch größere Lachnummer: Der kaiserliche Prinz singt so schlechtgelaunt vom Spaß, den er angeblich hat, und erweist sich als solcher Schnösel, dass er nichts anderen verdient hat als Julia Giebels Stella, die trotz ihrer Herkunft vom Planeten Venus eine ziemlich irdische Sachbearbeiterin der Liebe ist. Sung-Keun Parks Tenor schwankt dabei zwischen leichtem Spintotenor und kehligem Ungefähr, während Giebel mit naivem Charme ihre Verführungsarien abarbeitet.

Der dritte Akt dreht mit scheinbar nackten Venus-Jüngerinnen noch einmal schön auf. Hilbrich hat ein Händchen für die großen, wirbelnd choreografierten Szenen, wo etwa der Landungssturm des Pferdes die gesamte Inneneinrichtung nebst Menschenmassen in die Ecke drückt, oder der Chor den versteinerten Mandarin zu erwecken versucht. Allein: Von diesen Momenten gibt es leider nur ein paar, und bis die Geschichte in die Gänge kommt, gibt’s allenfalls mal was zu schmunzeln.

Vielleicht hätte der Regisseur Frank Hilbrich nur einen körperkomisch leichteren, tänzerischeren Zugang finden müssen. Aubers Musik ist ja eine Art Soundtrack und Puls des Kapitalismus und der Industrialisierung: Ganze Nummern bestehen nur aus effektvollen Wiederholungen, die einem unter Hochdruck durchaus in die Glieder fahren. Maurizio Barbacini lässt das im Graben schön schäumen zwischen schmetternder Leichtigkeit und ironisierter Innerlichkeit.

So aber bleibt „Das goldene Pferd“ in dieser Inszenierung wie einer der Glückskekse, die öfter mal durch die Luft fliegen: außen glänzend, innen etwas fad. Und die Botschaft? Bleibt rätselhaft und sonderbar.


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