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13.03.2012

Berliner Morgenpost: Theater 89 - SED-Begräbnis der ersten Klasse

Wer hat die DDR auf dem Gewissen? Neben dem Volk, das sich nicht mehr einsperren lassen wollte, feilte die SED selbst am eigenen Untergang und dem einer Republik, die sich demokratisch nannte, aber letztlich nur vom Generalsekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED regiert wurde.

In den Abschriften der Original-Tonbandmitschnitte der letzten ZK-Sitzungen wird deutlich, dass sich im völlig überalterten Gremium erst dann eine offene Problem-Diskussion entwickelte, als das Volk längst selbst die Initiative ergriffen hatte - nachzulesen im von Hans-Hermann Hertle und Gerd-Rüdiger Stephan herausgegebenen Band "Das Ende der SED", erschienen im Ch. Links Verlag.

Unter diesem Titel macht jetzt das Theater 89 die merkwürdige Mischung aus Trotz und Panik, schonungsloser Selbstkritik und verzweifelter Handlungsversuche erlebbar: Graue Herren mit weißrot gepuderten Gesichtern sitzen als lebende Leichname auf dem Podium und zwischen den Zuschauern am Originalschauplatz im heutigen Außenministerium, aufgefüllt mit ein paar Pappkameraden. Am Ende wird Egon Krenz alleine mit ihnen sein.

Davor diskutieren namhafte ZK-Mitglieder in Originalbeiträgen, oft in jenem Jargon der Endlos-Substantiv-Ketten, der schon damals kaum verständlich war und auch heute noch einschläfernd wirkt. Dennoch bleibt es spannend, wenn Anklagen wie "Ich bin belogen worden" von Verfahrensfragen abgewürgt werden. Faszinierend insbesondere der Kassensturz, der klar macht, dass die wirtschaftlichen Probleme seit 20 Jahren bekannt, aber von Erich Honecker ignoriert wurden - und die, die den Durchblick besaßen, wegen der Parteidisziplin den Mund hielten.

Regisseur Hans-Joachim Frank unterlegt die oft glühend vorgetragenen Reden und Einwürfe mit einer orgelartigen Trauermusik, dazwischen wirft die Singakademie Frankfurt (Oder) Lieder ein, die die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit markieren. Ein Partei-Begräbnis erster Klasse, bei dem die Anwesenden viel zu spät erkennen, dass sie längst nicht mehr Handelnde, sondern nur noch Sargnägel und Trauergäste sind.


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