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30.03.2012

Berliner Morgenpost: Wie Loriot auf Speed: Herbert Fritschs "Murmel Murmel"-Spiel

Murmel. Ein schönes Wort. Eins zum Verlieben. Man sollte es schon mögen, wenn man in der Volksbühne Herbert Fritschs neuesten Regiestreich besucht. Es ist das einzige in Dieter Roths Stück "Murmel", das die Volksbühne nun als "Murmel Murmel" auf den Spielplan hob.

Der bildende Künstler (1930-1998), der unter anderem mit Literaturwürsten berühmt wurde, bei deren Herstellung er Bücher statt Fleisch durch den Wolf drehte, machte hier in konkrete Poesie. Heißt: Wichtiger als die inhaltliche Bedeutung ist die Anordnung, der Rhythmus, die grafische Gestaltung.

Es scheint, als wolle sich Fritsch mit dem erweiterten Titel und dem Hinweis "nach Dieter Roth" absichern. Denn Roth hat ja eine Partitur geschrieben, die nach seinem Willen "das langweiligste Theaterstück der Welt" werden sollte. Das ging wohl schon bei der Uraufführung schief. Und auch wenn sich Fritsch nun redlich müht und ordentlich in Kunst macht - am Ende ist auch dieser Abend wie sein Dauerbrenner "Die (s)panische Fliege" wieder von einer himmelschreienden Komik, die einen atemlos zurücklässt.

Dabei geht Fritsch die Sache langsam an: Ingo Günther müht sich als musikalischer Leiter und pedantischer Zählmeister durch die erste Reihe in den Orchestergraben, wo er mit Marimbaphon, Schlagzeug und Computer einen Soundtrack zwischen Experimental-Jazz und Pop entfacht. Dazu bekommt jeder der elf Schauspieler sein Solo auf dem roten Teppich: Bastian Reiber guckt panisch zum Dirigenten, während er seine "Murmel"-Paare taktgenau hinzirkelt, Anne Ratte-Polle kreischt eine Arie hin, Matthias Buss piepst die Worte in den Raum.

Dabei stecken sie in Anzügen, Kleidern, Hüten und Perücken, die aussehen, als hätte Fritschs bewährte Kostümbildnerin Viktoria Behr bei ihrer 60er-Jahre-Recherche die bewusstseinsweiternden Mittelchen der 70er geschluckt. Vielleicht liegt es auch an ihnen, dass die zunehmenden Zusammenstöße und Verknotungen wirken wie Loriot-Sketche auf Speed: Sie trappeln und stolpern, verdrehen und verrenken sich und stürzen mit Grandezza in den Orchestergraben. Dazu verselbstständigt sich die Bühne zunehmend: Die Wände geraten in Bewegung, sausen hin und her oder schnurren das Portal zusammen.

Ja, Fritsch hat wieder einmal den Überslapstick von der Leine gelassen, und zwar einen, der punktgenau mit dem Wort und seiner Bedeutung spielt: Die Schauspieler stoßen sich aneinander wie im Murmelspiel, bilden Ketten und Häufchen, Muster und Reihen. Streng beginnt der Abend als etwas trockene Absolvierung des Murmel-Pensums, gewinnt aber bald an Fahrt. Als alle Showposen ausgereizt sind, quetschen sich die famosen Elf in quietschbunte Ganzkörpertrikots, parodieren den Ausdruckstanz. Und als wäre das noch nicht wahnwitzig genug, tanzt Wolfram Koch eurythmisch die sechs Buchstaben vor.

Wenn die Schauspieler schließlich wieder zurück zur Form finden in einer hinreißenden Murmel-Fuge, hat einen längst der Murmel-Swing gepackt, dieser Rhythmus, der mal mitreißt, mal beruhigt. Wenn am Ende der wie üblich ausufernden Applausordnung die Murmelisierung der Welt auch aufs Publikum übergreift, hat sich die Frage, wozu das alles gut sein soll, längst erledigt: In einer schwankenden Welt ist die formvollendete Feier des Irrsinns zuweilen sich selbst genug.


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