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01.04.2012

K.WEST: "Entgrenzung wollen alle"

Falk Richter über Rausch-Erfahrungen, Liebe und Beziehung, Autonomie, Kontrolle und Gehemmtheit

Eben hat er noch die Proben zur Wiederaufnahme von "Protect me" geleitet, jetzt bestellt sich Falk Richter beim Italiener schräg gegenüber der Berliner Schaubühne Suppe und Pasta, Tee und Schorle und merkt erst während des Gesprächs, dass er am Überangebot gescheitert ist. Jung wirkt er, zumal für seine 42 Jahre, und ein bisschen größenwahnsinnig, weil er wie in seinen Stücken auch hier wieder die ganz großen, kaum bewältigbaren Themen anpackt: die Liebe und die Wirtschaftskrise. "Rausch", gemeinsam mit der Choreografin Anouk van Dijk entwickelt und inszeniert, hat im April am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere, wo Falk Richter seit Saisonbeginn Hausregisseur ist. K.WEST sprach mit ihm über Rausch-Erfahrungen, Liebe und Beziehung, Autonomie, Kontrolle und Gehemmtheit.

Wann waren Sie zum letzten Mal im Technoclub Berghain?

Vor drei oder vier Wochen zum Konzert von Ben Frost, der bei "Rausch" die Musik macht. Das war ein Live-Konzert und insofern harmlos, ohne Drogenkonsum und Darkroom. Ein bisschen komme ich ja jetzt aus dem Berghainalter raus (lacht).

Wie ist es denn mit Räuschen über 40?

Charmante Frage! (lacht) Mich interessiert der Zustand, wenn etwas außer Kontrolle gerät. Das kann ziemlich angenehm sein: Räusche steigern die Intensität. Aber sie erzeugen auch Angst. Das ist unser Zustand: Gerade geraten ziemlich viele Dinge außer Kontrolle. Das Finanzsystem zum Beispiel: Hedgefondsmanager haben berichtet, dass sie beim Spekulieren vor der Krise 2008 Rauschzustände erlebten. Wenn die großen Räusche aber an der Börse gefeiert werden, stellt sich die Frage: Welcher Rausch bleibt für uns noch übrig?

Ja, welcher bleibt?

Die große Sehnsucht ist ja der Liebesrausch. Ich verliere die Kontrolle, ich kann mich hingeben. Das ist heute leider selten zu haben.

Gibt's Liebe überhaupt in Zeiten des ungebremsten Kapitalismus?

Natürlich gibt’s die. Die Soziologin Eva Illouz, mit der ich mich seit einiger Zeit beschäftige, fragt, warum die Leute nicht zusammenkommen. Was hindert sie am Rausch? Es gibt einen Wunsch nach dem kontrollierten Rausch – der existiert aber nicht. Zugleich sind die Ansprüche an eine Beziehung gewachsen: Zwei stark ausdifferenzierte Individuen stehen sich gegenüber mit einem enormen Anspruch an sich und den Anderen. Keiner will seine Autonomie aufgeben, trotzdem versucht man zusammenzukommen. Das ist nicht unmöglich, aber es wird komplizierter.

Ohne Rausch geht es nicht...

Die Entgrenzung ist ja etwas, das alle wollen, deswegen saufen sie sich zu und schmeißen Drogen ein, weil sie das dauernde Kontrollsystem da oben ausschalten wollen, um intuitiv zu handeln. Man will ja aus seiner entsetzlichen Einsamkeit raus, in Kommunikation treten und nicht dauernd denken: Ist der jetzt der Richtige, passt der auch, gibt es soziale Unterschiede? Deshalb klappt es meistens am besten im Berghain um fünf Uhr morgens...

....wo man auch mal mit Leuten abstürzt, von denen man das unter normalen Umständen nicht gedacht hätte...

...das kann ja auch toll sein! Am nächsten Morgen empfindet man das deshalb nicht so, weil man denkt: Aber der passt ja gar nicht zu mir und meinem sonstigen Leben. Ich kann mit dem keine Beziehung aufbauen, eine Wohnung kaufen und einen Hund. Aber die Nacht war vielleicht gut!

Und das Gegenteil von Rausch?

Die überkontrollierte Gehemmtheit. Dadurch, dass ich alles zu kontrollieren versuche, wird es immer schwieriger zu handeln. Das kann dazu führen, dass man nichts mehr macht, sich nichts mehr traut. Mit der Folge, dass Erfahrungen und Erlebnisse verarmen. Das passiert in Partnerschaften natürlich auch.

Inwiefern?

Illouz beschreibt das Phänomen des Überangebots: Im Internet suggerieren einem Plattformen wie Facebook oder Parship ein unendliches Angebot und eine algorithmische Lösung dafür. Eine Fehlannahme: Wenn ich auf jemanden beispielsweise an einer Bar treffe und es Klick macht, dann ist das eine intuitive Entscheidung von ein paar Sekunden. Wenn ich jetzt mit der Person weiterrede, ein Bier trinken gehe oder den Abend verbringe, ist das nicht ganz rational. Eine Internet-Partnersuche hingegen ist ein quälend langer Prozess des Auswählens, da muss ich ein Profil von mir erstellen, mich in alle Einzelteile zerlegen und mir dann darüber klar werden, was genau ich in dem anderen suche.

Was man oft gar nicht genau weiß.

Genau. Ich hab kein exaktes Bild von meinem potentiellen Partner. Ich will ja auch überrascht werden, etwas Neues kennenlernen. Dieses Online-Zeug verkennt vollkommen, dass man eine Liebe, eine Beziehung performativ zusammen gestaltet. Das, was man zusammen macht, das ist die Beziehung und nicht, was man vorher geplant und angekreuzt hat. Aber genau das geschieht im Moment verstärkt: Es kommen immer weniger Beziehungen zustande, weil die Leute in so einem Davor bleiben, sich nicht entscheiden können. Offenbar besteht eine Angst vor dem Ja, davor, dass es dann nur noch Problemgespräche gibt, weil der andere nicht genau das macht, was ich brauche.

Wenn "Trust" die Zustandsbeschreibung des Schocks war und "Protect me" der beginnende Protest, was ist dann "Rausch"?

Es handelt davon, wie stark die Gesetze der Wirtschaft in die Beziehungen eingedrungen sind. Dass man eine Beziehung hat, aber parallel nach anderen Optionen sucht. Oder dass man die Beziehung als wachsenden Wert begreift, als Sicherheit auf die Zukunft, wie eine Rendite, man also nicht mehr den Moment erlebt. Dazu kommt das erwähnte Überangebot. Das ist wie mit Trendaktien, auf die sich alle stürzen: Wenn der eine nicht perfekt zu mir passt, wechsle ich halt zum nächsten. Andererseits geht es thematisch darum, ein neues System vorzubereiten. Und zwar auf einer ironisch gebrochenen Ebene aus dem Blickwinkel von jemandem, der in zehn Jahren auf das hier zurückguckt: Wieso haben wir so gelebt? Wie konnten wir so leben? Warum wurde ein so ungerechtes System nie korrigiert?

Mit "Trust" waren Sie einer der ersten, die – nach Elfriede Jelinek – die Wirtschaftskrise thematisiert haben. Jetzt, drei Jahre später, hat sich am kriselnden System selbst nichts geändert.

Das ist hart. Die Frage lautet nun: Wie viel Energie braucht es eigentlich, um Veränderungen zu erzielen? Entweder stürzt das System wirklich ein, oder es wird viel aggressivere Widerstände geben, so wie man jetzt in Griechenland sieht.

Interessant ist doch, dass über die Krise und ihre Folgen bislang etliche Regierungen gestürzt sind, sich aber am System selbst nichts ändert.

Dagegen steht das Interesse von Leuten, die das nicht wollen, weil sie auch aus der Krise noch einen enormen Gewinn schlagen, und die sind zu mächtig. Die Krise ist ja auch ein Ausnahmezustand, der dafür sorgt, dass unglaublich viele Sachen, die wir als ungerecht empfinden, vom Gesetzgeber durchgewunken werden. Wenn die Leute das mal so richtig verstanden haben, wird es zu massiven sozialen Unruhen kommen. Vielleicht nicht gerade in Deutschland, weil es uns verhältnismäßig gut geht. Als "Trust" rauskam, wurde die Krise als ein Zustand begriffen, der schnell wieder vorbeigeht. Dann hat man gemerkt: Das bleibt jetzt so oder es wird schlimmer. Im Moment merkt man: Es wird schlimmer. Jetzt wird es Zeit, dass wir uns wehren.

Info
Falk Richter, Dramatiker und Regisseur, hat die emotionale Leere der Party-90er auf den Punkt gebracht ("Gott ist ein DJ"), stürzte er sich zunehmend auf die durchökonomisierte der Gesellschaft und ihre Folgen ("Unter Eis"). In "Trust" (2009) und "Protect me" (2010) an der Berliner Schaubühne knüpfte er mit der Choreografin Anouk van Dijk an "Nothing Hurts" von 1999 an, ihrem ersten gemeinsamen, Theatertreffen-geadelten Crossover-Projekt, einer Verschmelzung von Körper und Sprache, Tanz, Schauspiel und Musik. "Rausch" ist der dritte Teil ihrer Krisen-Trilogie.


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