Archiv Referenzen

03.04.2012

Nürnberger Nachrichten: Der wahre Herr und Meister heißt Jack the Ripper

Andrea Breth inszenierte im Berliner Schillertheater Alban Bergs "Lulu" mit Mojca Erdmann in der Titelrolle

Das hätte man der  Star-Regisseurin Andrea Breth, die bislang vor allem einem – oft magischen, zuweilen verstaubten – Bühnenrealismus verpflichtet war, nicht zugetraut: dass sie sich noch einmal neu erfinden würde. Jetzt aber sieht man auf der Bühne der Berliner Staatsoper im Schillertheater Männer in Anzügen, die in Zeitlupe auf allen Vieren kriechen und sich die Hände beschauen, obwohl sie gerade von etwas ganz anderem singen. Jack the Ripper putzt das blutige Messer, obwohl das erst ein Bild später zum Einsatz kommen dürfte, Lulus Doppelgängerin kraxelt auf einem Schrotthaufen herum und die Gräfin Geschwitz schaufelt schwarze Erde aus einer Schubkarre. Zwischen allem wandelt bildschön und blond Lulu umher im eleganten silbernen Paillettenkleid, ein Star, dem niemand etwas anhaben kann.

Dafür hagelt es am Ende wütende Buhs, und Daniel Barenboim, der vor einem Jahr im Jubel-Triumph um den gemeinsamen „Wozzek“ immer wieder auf die Regisseurin gewiesen hat, hält nun auch das Unmutsgewitter standhaft mit ihr aus. Schließlich hat sich Breth durchaus was dabei gedacht, als sie Alban Bergs 1937 posthum und als Fragment uraufgeführte „Lulu“ nach Frank Wedekinds Monstretragödie in ein rätselhaftes Zeichensystem überführte. Anders als „Wozzek“ besitzt „Lulu“ keine Einfühlungsdramaturgie. Wedekind wie Berg führen eine Frau als ideale Projektionsfläche männlicher Fantasien vor, der eher zufällig die Herren zum Opfer fallen, bis sie am Ende in Jack the Ripper, also dem Tod ihren wahren Herrn und Meister findet.

Also bleibt Lulu von Anfang bis Ende unantastbar in Erich Wonders Industriehalle, die eine diffuse Endzeitstimmung verströmt und von ein paar konstruktivistischen Raumteilern gegliedert wird. Links stapeln sich Schrottautos, in einem der Fenster flackern Lulus Augen. Lauter Untote laufen hier herum, Wieder- und Doppelgänger (Lulu etwa gibt’s gleich drei Mal) mit eckigen Bewegungen und starren Blicken; einmal tauchen auch dunkle Männer in Schweißermasken auf.

Es wirkt, als wären alle die Männer, die sich an Lulu tödlich die Finger verbrannten, nun in der Hölle gelandet, um in immer neuen Wiederholungen ihr Scheitern zu durchleben. Entsprechend offen wird die Oper in dieser Berliner Version skizziert: Statt des gestrichenen Prologs eröffnet Lulus Todesschrei den Abend (also so, wie er auch endet), und von nun an gibt’s auf der Bühne eine Art optisches Konzert, in dem Bedeutungsfragmente hin- und hergeschoben werden. Momentweise entwickelt dieses von jeder Handlungslogik befreite Gewusel eine faszinierende Anti-Symbolik. Aber man muss Bergs Oper schon gut kennen, um halbwegs den Überblick darüber zu behalten, wer überhaupt gerade warum mit wem spricht.

Neben dem Prolog wurde auch das Paris-Bild gestrichen und der verbliebene dritte Akt, Lulus Tod in London, vom Komponisten David Robert Coleman neu instrumentiert: Mit Harmonium und Akkordeon, Marimbaphon, Kuhglocken und Steel Drums erweitert er Bergs Klangwelten ins gespenstisch Ironische. Barenboim und seine Staatskapelle feilen liebevoll an den schroffen Klippen, bis sie spätromantisch glühen; behutsam heben sie jede Solo-Stelle heraus und lassen den Klang durchsichtig flirren.

Eine ideale, umsichtige Grundlage für die Sänger: Mojca Erdmann schwebt körperlich wie stimmlich unberührbar durch die finstre Endzeit-Fantasie, ein distanziert trillerndes, strahlend schönes Vöglein. Ihr glänzender Sopran klingt dabei oft so, wie sie ins Publikum blickt: großäugig naiv und schmollmündig. Ebenso großartig Michael Volle, der die unterdrückten Aggressionen Dr. Schöns fein nuanciert und Thomas Piffkas Alwa, der mit angenehm timbriertem Tenor an seiner Liebe verzweifelt. Deborah Polaski, die gealterte Wagner-Heroine, gibt ihrer Gräfin Geschwitz stimmlich etwas zu viel Drama, aber optisch eine Würde, die ihr bei Wedekind nicht zugebilligt wird.

Ein Publikumserfolg wie der „Wozzek“ wird diese „Lulu“ sicherlich nicht, obwohl Bergs Musik selten so zugänglich klang. Dazu bleibt der Abend zu rätselhaft und undramatisch. Aber ein Meilenstein in Andrea Breths Karriere, mit dem die 59-jährige Regisseurin beweist, dass sie auch ganz anders kann.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt