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29.03.2012

Berliner Morgenpost: Rimini Protokoll lässt für die deutsche Wirtschaft beten

"Lagos Business Angels" im HAU1

Leerstand ist unwirtschaftlich, klar. Was also machen mit den Theatern, die tagsüber leer stehen? Zum Beispiel das HAU1, das einstige Hebbel-Theater: Sonntag morgens könnte man es doch an eine Glaubensgemeinschaft für Gottesdienste vermieten, außerdem für politische Infoveranstaltungen bereitstellen, argumentieren zwei Geschäftsmänner aus Lagos. Dann beten sie gemeinsam mit anderen der „Lagos Business Angels“ auf der Bühne für eine prosperierende deutsche Wirtschaft.

Schon mutig, was sich Rimini Protokoll diesmal trauen: Während an den Theatern landauf und landab der Kapitalismus gerade mit Nachdruck verteufelt wird, feiert das Performance-Kollektiv jetzt die deutsch-nigerianische Geschäftsfreundschaft, als fördere sie Dirk Niebel persönlich. Für „Lagos Business Angels“ haben sie aus dem HAU1 eine Art Messe-Parcour gemacht, auf der man in Gruppen sieben der zehn Stationen abklappert. Dort erzählen die Unternehmer in zwölf Minuten Anekdoten aus ihrem (Geschäfts-)Leben und drücken einem am Ende ihre Visitenkarte in die Hand.

Silke Hagen-Jurkowitsch lässt alle mal die Stoffbahnen berühren, die aus ihrer Heimat Lustenau in Österreich für viel Geld vor allem nach Nigeria exportiert werden – für die aufwendigen Festtagskleider. Kester Peters erzählt an einem Aquarium und vor verschiedenen Landkarten davon, wie er zuerst von einem amerikanischen Geschäftspartner übers Ohr gehauen wurde, sich jetzt aber vom Zierfisch- zum Ölhändler entwickelt. In einem Container im Hof feiert Frank Okoh als begeisternder Verkaufsentertainer und kumpelnder Kapitalismushohepriester seinen Schrottautohandel.

Natürlich: Die Leute sind alle furchtbar sympathisch, Erfolgsgeschichten gehen immer gut und angenehm ist es auch, dass Afrika mal nicht als Krisenkontinent erscheint. Aber je mehr der ungebremste Materialismus gefeiert wird, desto stärker fällt auf, dass Themen wie Korruption, Schmiergelder, die Betrugsindustrie, überhaupt: jeder größere Zusammenhang von Politik und Wirtschaft, nationalen und internationalen Interessen zwar erwähnt, aber schnell weggelächelt werden. Irgendwie knuffig, dieser Abend – und erschreckend harmlos.


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