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10.04.2012

Heidelberger Stückemarkt: Das geheime Leben der Zahlen

[önf] – Womit keine Zahl rechnet – Katja Hensel erzählt vom befreienden Glück der Unordnung

Ach du grüne Neune! Ein Stück über Zahlen? Das klingt so sexy wie eine Mathestunde. Und, vorsichtig gefragt: Gibt's nicht drängendere Probleme für ein Kinderstück?

Nein, denn Katja Hensels "[önf] – Womit keine Zahl rechnet" ist kein Arithmetik-Loblied, sondern der quasi mathematische Beweis, dass die Zahlen von Null bis Neun (also jene, aus denen sich alle weiteren Ziffern bilden lassen) auch nur Menschen sind. Gemeinsam leben sie in einem Haus, die eifrige, freundliche Eins, die ordnungsversessene Zwei und die jammernde Vier. Drei ist eine verspielte freche "Rotznummer", Fünf leidet darunter, als Pfeife bezeichnet zu werden, die Sieben erweist sich als Diva. Acht ist verfressen, die dank der unrunden Preise überarbeitete Neun macht mit der zwillingshaften Sechs oft gemeinsame Sache (per Kopfstand zum Beispiel). Und die Null, die vor hunderten Jahren als letzte dazu stieß? Isst nichts, schläft nicht, spricht nicht, sondern hockt entweder auf dem Dach oder im Keller.

Arrogante Zahlen

Tagsüber schleichen sie sich in die Köpfe der Menschen, damit die mit ihnen rechnen können. Davor und danach machen sie Sport und essen zusammen. Ihre Ordnung der Dinge, in der natürlich alles abgezählt ist, wird von Önf komplett durcheinandergebracht, die eines Tages auftaucht und behauptet, ebenfalls eine Zahl zu sein.

Schon steckt Hensels Stück mitten in der Problematik um Gemeinschaftsbildung und Außenseiter, um menschliche Tugenden und Abgründe. Denn bei allen Unterschieden eint die Zahlen ein an Arroganz grenzendes Selbstbewusstsein: "Mit uns lässt sich jede Zahl bilden, ob groß ob klein, mit Komma oder Bruchstrich, wir können einfach alles. Wozu sollte da noch eine neue Zahl um die Ecke biegen?" Ohne Zahlen – so lernen wir – gäbe es kein vierblättriges Kleeblatt, keine dreißig Ringe im Baumstamm, keine fünf Eier im Nest, nicht mal zwei Schnecken und die einsame Lichtung. Allerdings kann auch mit Zahlen einiges daneben gehen, wie die Back-Stunde in der Schule zeigt: Weil die pünktlichen geraden Zahlen ohne die etwas chaotischeren ungeraden geprobt haben, endet sie in einem Fiasko.

Die ganz wilde Nummer

Doch das ist nichts im Gegensatz zu der Verwirrung, die Önf im Zahlenhaus auslöst: Der lange Strich mit einem Kreis in der Mitte behauptet von sich, eine Reisezahl zu sein. Während ihr die Eins von Anfang an glaubt und mit Sympathie begegnet (und die Null stumm wie immer ist), wird sie von den anderen Zahlen geschnitten oder als "Gekritzel" und "ganz wilde Nummer" dämonisiert. Schnell greifen die Ausgrenzungsmechanismen, die sich bis zu Mordfantasien aufschaukeln. Dass Önf Chaos im Ordnungswunderland stiftet, scheint unverzeihlich.

Für ihre Zahlenshow hat Hensel offenbar in den Grundlagen der Mathematik gestöbert: So setzte sich die Null, die im Stück als letzte dazugekommen ist, im europäischen Raum tatsächlich erst im 17. Jahrhundert als fürs praktische Rechnen relevante Zahl durch. Überhaupt handelt es sich bei Zahlen nur um Zeichen, die sich historisch entwickelt haben, aber keineswegs unumstößlich oder in ihrer Anzahl festgelegt sind. Önf selbst entspricht wohl am ehesten x, jener Variablen, die eine unbekannte, aber bestimmte Zahl markiert.

Wie fühlt es sich an, ein Vertrag zu sein?

Auch, wenn der Heidelberger Stückemarkt betont, für den Wettbewerb sieben noch nicht durchgesetzte Autoren ausgewählt zu haben – in der Szene ist Hensel gerade für ihre lässigen Anverwandlungen abstrakter Themen bekannt, die sie nicht auf Einzelschicksale herunterbricht, sondern in ihrer Fremdartigkeit "beseelt", wie sie es nennt.

Beim Schreiben ihrer EU-Familienaufstellung "Wie Europa gelingt" etwa fragte sie sich: "Wie muss sich das anfühlen, der Vertrag von Lissabon zu sein, wenn keiner dich will?" In ihrem Hörspiel "Grüne Lunge, breites Pflaster" schickt sie Städte wie Bitterfeld, Halberstadt und Duisburg in ein Sanatorium namens Deutschlandklinik, wo mit Intrigen und mörderischen Bündnissen um Problemzonenbehandlung, Fitnesskuren und Schönheitspflaster gerangelt wird. Und ihr gerade erst uraufgeführtes Stück Im Sprung der toten Katze handelt von drei Geldstücken, die in Zeiten der Euro-Krise gegen die eigene Bedeutungslosigkeit ankämpfen.

Wozu Nebenrollen?

Bereits hier erprobte sie jenes dichte Sprachnetz aus Wortwitz, Redewendungen und Sprichwörtern, aus Alliterationen, Assonanzen und Binnenreimen, die ihre Sätze auch in "[önf]" thematisch in der Spur halten. Oft gelingen ihr überraschende Wendungen und running gags, die schon mal die Grenze zum Kalauer streifen.

Auch auf dem Gebiet der „Familienstücke", wie sie sie nennt, ist Hensel erfolgreich, vielleicht weil sie "unbefangen und von eigenen Spielerfahrungen unbeschadet" an den ersten Auftrag ging, eine Bühnenfassung von Lewis Carolls "Alice im Wunderland" zu erstellen. Denn eigentlich ist Hensel Schauspielerin. Ihre Theatererfahrung wirkt sich natürlich auf's Schreiben aus: "Ich würde nie Nebenrollen erfinden. Jeder Schauspieler soll wissen, dass er das Stück trägt. Außerdem kann ich mir den Text immer genau vorstellen, ich höre ihn, seinen Rhythmus, den Witz."

Ideologiefreie Botschaften

Nach "Alice" entstand "Lotte und Luis" frei nach Motiven Erich Kästners. Die Düsseldorfer Bühnenfassung mit Hensel in einer der beiden Rollen war 2009 in der Auswahlliste für den Theaterpreis "Faust": Zwei Einzelkinder kämpfen gemeinsam gegen die Anonymität der Großstadt und für ihren Traum von einer "richtigen" Patchworkfamilie. Mutmachtheater im besten Sinn, nicht aufdringlich pädagogisch, aber mit vielen ideologiefreien Botschaften. Gleiches gilt für "[önf]". Einmal, als die Abwehrreaktionen der Zahlen besonders hart ausfallen, sagt die Eins: "Keine Angst, Önf, die machen immer auf große Nummer, wenn die Null hinten ist. Und wenn die Null dann vor ihnen steht, werden sie ganz klein."

Schließlich beweist Önf, dass sie doch eine Zahl ist, eine ungenaue, offene zwar, aber eine, die mitunter alle anderen ersetzen könnte. Was den Konflikt eher verschärft. Bis Önf die Zahlen zu einer wundervollen Chaos-Party einlädt – ein Höhepunkt, der nur als Geräuschkulisse und Botenbericht vermittelt wird. Hinterher löst sich die alte Ordnung zugunsten lang gehegter Wünsche auf: Die Eins geht auf Reisen und die Fünf nach England, die Neun ist verliebt und die Null und die Acht heiraten. Und während die Zwei beim Versuch kapituliert, die neue Situation in ein Gesetz zu fassen, erkennt die Sieben: "Nichts bleibt wie es ist." Q.e.d.

Zum Originaltext geht es hier.


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