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19.04.2012

Berliner Morgenpost: Zicke in Strapsen trifft auf Checker in Ledermontur

"Kleider machen Leute" im Theater an der Parkaue

So kann’s gehen, wenn man mit „tighten Hosen“, „krassem Mantel“ und „Checker-Hut“ unterwegs ist: Weil der Schneidergeselle Strapinski wegen seiner vornehmen Erscheinung und einer Verkettung von Umständen für einen Grafen gehalten wird. Beschrieben hat das Gottfried Keller 1874 in seiner Novelle „Kleider machen Leute“. Von Kellers Stil ist im Theater an der Parkaue nichts mehr zu spüren, wo norton.commander.productions „Kleider machen Leute“ jugendfit zu machen versuchen. Harriet Maria und Peter Meining bügeln die Geschichte pragmatisch zur einstündigen Musicalvorlage platt. Als Erzähler fügen sie einen echten Grafen Strapinski ein, der mit Drogen experimentiert und aussieht wie Rudolph Mooshammer (noch so ein Auf-Schneider). Dem Hochstapler wider Willen folgt er zunächst neugierig, später gehässig. Und zwar von einer Videoleinwand aus, auf der die meisten Charaktere in einer Welt aus Pappe gefangen sind, während sich vorne auf der Spielebene lange nur Strapinski verausgabt.

Bis ihm Nettchen begegnet. Wo es bei Keller schüchtern glüht, trifft bei den Meinings nur ein Checker in Ledermontur auf eine Zicke in Strapsen: Namosh und Corinna Mühle trällern Nikolaus Woernles fantasielosen Stangen-Pop und rappen zu düsteren Elektroklängen, ohne überhaupt die Chance zu bekommen, so etwas wie Gefühl zu entwickeln. Während sich auf der Leinwand ein Zombie-Reigen Stichworte gibt, aus den Lautsprechern seelenlose Beats dröhnen und sich Namoshs Schneider als Alleinunterhalter im Ganzkörpereinsatz (zu allerdings ziemlich einfältigen Choreografien) abmüht, bleibt jede emotionale Regung und jede Sozialkritik durchdesignte Behauptung. Kleider machen Leute, sicher – aber ein technisch aufwendiges Spektakel noch lange keinen spannenden oder erhellenden Theaterabend.


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