Archiv Referenzen

26.04.2012

kunsttexte.de: Looking skywards in a superstore

Die Suche nach der blauen Blume führt nicht weit: Von der vermeintlichen Vase mit romantischem Sehnsuchtssymbol bleibt nur eine Komposition aus Gips, Kunststoff und blauem Beutel, und auch Stefanie Mayers Barockengel erweist sich als abstrakte Formstudie.

Es sei denn, man blickt mit kindlichen Sehnsuchtsaugen hin. Dann werden aus den organischen Wucherungen, die der Tintling-Pilz in Andreas Kempes Schwarzweiß-Fotografien fraß, zu sepiafarbenen Flügeln eines jungen Mannes. Und Richard Schütz’ wollüstig violett flammender Raumstudie nach einem analogen Farbfoto rollt die schönste Fantasiebühne auf zwischen Zerstörung und Pomp.

Es ist die Faszination am Riss in der Weltkulisse, die die elf Künstler in der Schau „Looking skywards in a superstore“ verbindet. Ihre Strategien der Verunsicherung zielen auf etwas jenseits des Abbildbaren, und insofern wirkt die blaue Blume, die keine ist, ebenso symptomatisch wie Thomas Fißlers digital arrangierten Magnolienblüten neben einer aus den Fugen geratenden Erdkugel. Ob Peter Klittas Farbstudie, die sich als Unfallszene mit Autowrack und Frauenleiche erweist und zugleich eine ungeheure Plastizität besitzt oder Jörn Gerstenbergs grafische Raumdekonstruktionen – überall lauert die Sehnsucht nach einem Blick hinter die Oberfläche, auch wenn dabei die Hoffnung aufs Metaphysische kaum eine Rolle spielt.

Besonders faszinierend sind dabei die Skulpturen Nadine Rennerts: Ihre leichtfüßig schwebende, doppelgesichtige Diana mit Beuys-Hasen in der Hand wirkt wie aus Beton, auch die massiven Flügelschrauben verwischen nur die Papier-mâché-Fährte. Obwohl die Augen hinter Glas hohl bleiben, schauen sie je nach Betrachtungswinkel neugierig, skeptisch, leidend. Uneindeutig auch der Blick jenes jungen Mannes, der in Gunnar Borbes Triptychon skeptisch hinter einer Glasscheibe hockt. In der Spiegelung des Gartens verschmelzen Außen und Innen, und wenn nicht die Flecken auf dieser Seelenlandschaft Aufschluss geben über seine Gedanken, so hilft auch kein weiterer Blick auf sein altmeisterlich gemaltes, grübelnd verschlossenes Gesicht.

Zum Original geht's hier.


←  Autor

©2011-2018 Georg Kasch, Kulturjournalist - Impressum & Kontakt - Datenschutzerklärung