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14.04.2012

Berliner Morgenpost: Im Heimathafen wird eine alte Revue entrümpelt

"Zwei Krawatten" im Heimathafen Neukölln

Wir sind Volkstheater! So wirbt der Heimathafen für sich. Nach der Revue "Zwei Krawatten" kann die mutige Neuköllner Theaterfabrik jetzt genauso gut behaupten: "Wir sind Volksbühne!" Das liegt weniger an der Vorlage von Georg Kaiser, der mit expressionistischen Stationendramen
zu Ruhm kam, und Mischa Spoliansky, neben Friedrich Hollaender der wichtigste Komponist der Zwanziger Jahre in Berlin. Die Geschichte vom armen Kellner Jean, der von einem fliehenden Ganoven mit 1000 Mark zum Krawattentausch bewegt wird, ist im Kern märchenhaft banal: Kaum trägt er den neuen Binder, gewinnt er als Gentleman auf einem Ball neben einer Überfahrt nach New York auch das Interesse der wohlhabenden Mabel. Was seiner Verlobten Trude gar nicht passt, die ihm hinterher reist und sich plötzlich selbst als reiche Erbin entpuppt...
Um Haben und Nichthaben, Liebe und Kapital geht’s also bei dieser im Weltwirtschaftskrisenjahr 1929 uraufgeführten Revue, in der damals Marlene Dietrich und die Comedian Harmonists für ihre Weltkarrieren entdeckt wurden. Auf die Frage, wer am Geldhahn sitzt und was das mit den Gefühlen macht, spitzt jetzt das Volksbühnen-dominierte Team den Abend zu: Heimathafen-Mitgründerin Inka Löwendorf hat als Castorf-Schauspielerin und Dramaturgin des Abends mit Bärbel Bolle und Frank Büttner gleich zwei Kollegen vom Rosa-Luxemburg-Platz angeheuert, der junge Regisseur Andreas Merz war Castorf-Assistent. Und Alexander Ebeert vom Berliner Ensemble? Beweist in gleich mehreren Rollen, dass er bei Claus Peymann sträflich unterfordert ist.
Ironiesatt und rau rotzt Andreas Merz die Geschichte auf die große Bühne und lässt von der Revue neben falschem Glamour und wenigen Spoliansky-Songs nicht viel übrig. Stattdessen grüßen Büchner und Marx, werden die Songs oft brechtisch gesprochen, bearbeitet und begleitet vom Incredible Herrengedeck. Auch, wenn man hin und wieder die Swing-Seligkeit des Originals vermisst: Wie die vier
Damen der "Berliner Spätlese" über die Bühne steppen, wie Bolle jeden Liebreiz ihrer Mable im Keim erstickt, das hat alles unwiderstehlichen Reiz. Volkstheater? Geschmackssache. Volksbühne? Mit Bravour bestanden.


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