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04.05.2012

Heidelberger Stückemarkt: Trip zu den unbegrenzten Möglichkeiten

"Frey!" beim Heidelberger Stückemarkt

Was ist Freiheit? Nicht zuletzt das Motto der laufenden Stuttgarter Spielzeit. Also haben Jan Neumann und sein Team heftig zum Thema improvisiert und dabei „Frey!“ zusammengestückelt, eine traumtänzelnde Farce über die Grenzen der Freiheit. Diesen Entstehungsprozess merkt man nicht unbedingt dem Stil (mäandernde Epik mit gelegentlichen Reim- und Alliterationsausbrüchen) an, aber doch der Struktur: Friedemann Frey, Verwaltungsangestellter einer namhaften deutschen Versicherungsgesellschaft, verabschiedet sich eines Tages aus seinem so überaus durchschnittlichen Leben und bricht auf in die (neue) Welt, ins Land also der unbegrenzten Möglichkeiten. 

Auf seiner Âventiure klappert der reine Tor seltene Freiheitswucherungen ab: Ein Einsiedler erlebt sie erst wieder nach dem Krebstod seiner (ursprünglich geliebten) Frau. Jutta, der Frey auf dem Schiff nach Amerika begegnet, wurde als Kind missbraucht und erlebte das als Liebe. Sie referiert erfrischend wertfrei die Möglichkeiten sexueller Praktiken und Vorlieben. Der Rocker Zotti erzählt in New York vom Freiheitsgefühl, seit ihm bei einem Unfall die Sinnfrage abhanden kam; schließlich diskutiert die Rezeptionistin in Las Vegas die Möglichkeiten des Frei-Tods.

Alles nur geträumt

Am Ende erweist sich der Ausbruch als Traum, was allerdings schon Neumanns Bühnenästhetik nahelegt: Leise rieselt Sand aus langen Sackschläuchen, die mit ihrem Gewicht eine merkwürdige Segelkonstruktion verändern. Davor wechseln fünf Schauspieler um Gabriele Hintermaiers so bedröppelt wie verdutzt schauenden Frey virtuos die Bärte, Perücken und Rollen, surfen mit Hochgeschwindigkeit durch Travestien und Parodien (Höhepunkt: der Tussen-Catwalk auf dem Luxusliner) und polieren die komischen Höhepunkte des Texts auf Hochglanz. Dennoch merkt man „Frey!“ die Herkunft aus dem Projekt an – die Handlung wirkt, als hätte jemand mit dem Lineal Verbindungen zwischen Themenkomplexen gezogen, die wiederum ziemlich monologlastig um sich kreisen. Zwischen großartigen Einfällen und Gedanken öffnen sich immer wieder schwarze Aufmerksamkeitslöcher. Aber natürlich gehört das auch zur Freiheit des Zuschauers: mal abzuschalten.


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