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28.04.2012

Heidelberger Stückemarkt: Der Müll, das Meer und der Tod

"Die Verfassung der Strände" – Stephan Lack und Regisseurin Marie Bues streifen durch die Krisen der Welt

Vom Wasser hat er's gelernt. Und von Elfriede Jelinek, natürlich: In ausufernden, weit assoziierenden Wortspielen und Kalauer-Ketten erzählt Stephan Lack in "Die Verfassung der Strände" von den feuchten Krisenherden der Welt, vom sprudelnden Öl der sinkenden Plattform über die Perversionen des (Strand-)Tourismus bis zur Piraterie und der Atomkatastrophe. Oft zielen seine eng verzahnten Übersprungsgedanken unter die Gürtellinie und aufs Zwerchfell, während der Aha-Effekt eine Ecke weiter wartet.

Weil das Prinzip Jelinek derart fruchtet und in seiner offenen Form die schönste Regie-Spielwiese bietet, eröffnete die Lack-Uraufführung jetzt den Heidelberger Stückemarkt, obwohl der Autor vor einem Jahr beim Wettbewerb leer ausging. Regisseurin Marie Bues schickt ihre jungen Schauspieler im ironischen Plauderton auf eine Entdeckungsreise durch die fünf Kapitel: Während die Fünf auf dem Balkenraster balancieren, das Johanna Fritz auf die Bühne gekästelt hat, scheinen sie sich als Managerhorde selbst darüber zu wundern, welche Wahrheiten ihnen entgleiten.

Bitterböses Panorama

In die Textsuaden rammt Bues kleine Symbolpfeiler: Anfangs sprudelt eine Cola-Flasche wie Öl, später kokelt unten das Fleisch auf dem Grill, während oben die wild gewordenen Touristen zuerst die Bühne vollmüllen und dann symbolisch kopulieren. Der Gestank ist ebenso stark wie später der Catwalk der neuesten Gasmasken-Fashion zum Katastrophen-Techno. Wenn schließlich Schuberts "Nebensonnen" a cappella von der Alb-"Traumschiff"-Satire zum letzten Teil überleiten, wo von der Truppe abgeschnittene Soldaten seit 14 Jahren auf einem Felsen vor sich hinsiechen, verdämmert der Abend eindrucksvoll in die Ernsthaftigkeit.

Bues arrangiert die Lack'schen Texte einfallsreich wie versiert. Einige Fragen bleiben offen, manche Spannungsbögen brechen vorschnell in sich zusammen, was auch daran liegt, dass die Schauspieler sich unterschiedlich souverän durch die Sprache jonglieren. Dennoch rundet sich der Streifzug durch Müll, Meer und Tod zum bitterbösen Panorama einer Welt, die ihre Krisen noch schneller vergisst, als sie sie produziert.


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