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14.05.2012

nachtkritik.de: Veraltete Tonträger

Der Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2012 Teil 3 – Magdalena Fertacz und Markus&Markus

Die Welt ist schlecht, wir wissen es, die Dramatiker wissen's auch, und weil die Fakten ohnehin klar sind, kommt es vor allem darauf an, wie sie gesagt werden. Magdalena Fertacz etwa jagt in "Kalibans Tod" die moralische Verkommenheit des Westens zusammen mit ein bisschen Kunstschelte durch den Fleischwolf: Da wird "Der Schwarze, der seinen Sohn verschlang" vom "Guten" aus Haiti geholt und zusammen mit dem "Gewöhnlichen Menschen" in eine Galerie gesperrt. Menschen rufen an und zwingen den "Schwarzen", Dinge zu tun, während der "Gewöhnliche Mensch" halb bewusst, halb unbewusst (schließlich versucht er, durch symbolische Gaben das Lebend es anderen zu retten) auf dessen Herz wartet für eine Transplantation.

Schwarze Komödie ohne zündende Pointen

Plakativ geht's zu im letzten Teil des Theatertreffen-Stückemarkts 2012, wo Polen den Super-Immigranten sucht, und auch, wenn nicht alles so schlicht ist, wie es auf den ersten Blick scheint, so formt "Kalibans Tod" doch eine moralische Ohrfeige. Zumal in Polen, das sich in seiner Rolle als langjähriger europäischer Underdog kaum als Globalisierungsgewinnler sehen dürfte. Fertacz schrieb die Szenen ihrer schwarzen Komödie, deren Pointen nicht zünden wollen, ursprünglich fürs Radio. Ihnen fehlt jeder szenische Funke, und Dominic Friedel weiß bei seiner Halbvisualisierung in der Kassenhalle des Hauses der Berliner Festspiele auch nichts Rechtes damit anzufangen. Er setzt die Hälfte seiner Schauspieler ins Publikum, stellt die andere auf ein Sockel mit hochkant gestellten Podestrahmen und lässt lesen. Den erhobenen Zeigefinger kriegt er so natürlich nicht aus der Vorlage.

Einzige akustische Zutat: Das Andante aus Mozarts Klaviersonate Nr. 11, das die Fallhöhe der europäischen Zivilisation markiert. Und Wolfgang Amadeus Mozart führt auch direkt in "Polis3000: respondemus" von Markus&Markus: Hier gurgelt die Königin der Nacht von der Rache in ihrem Herzen – und muss später als Beweis dafür herhalten, dass die Menschen verrückt sind. Denn warum, so fragen die beiden jungen Performer aus Hildesheim, die hier so tun, als seien sie extraterrestische Besucher, schickt die Menschheit (die westliche, natürlich) von Zeit zu Zeit Botschaften ins All – und was lässt sich aus ihren Inhalten lesen?

Piratentheater aus dem tt-Projektlabor

Zum ersten Mal gab es beim Stückemarkt statt des Dramatikerworkshops ein Projektlabor, und die Kernidee von Markus Schäfer & Markus Wenzel ist witzig: Was sagen all die Bilder, Texte und Musiken aus, die da jetzt auf veralteten Tonträgern durch den Weltraum schweben? Welches Menschheitsbild vermitteln sie? Markus&Markus collagieren ihre Rechercheergebnisse, fügen noch ein paar hübsche Fundstücke hinzu, und so streifen sie durch Werbebilder der Erde, durch Klassikhits und krude Texte.

Wenn man sich je fragte, welches Theater die Piraten schauen, falls sie sich in eines verirren sollten: So ähnlich könnte es aussehen. Die beiden Nerds sind angry young men, die zwischen Videoprojektionen und Materialtischen mit Anfang/Mitte Zwanzig noch herausbrüllen müssen, wie blöd die Welt, vor allem der Westen ist.

Angetäuschter Dialog

Laut und leer zieht sich der Abend auf der Seitenbühne: Hier kotzen sie ein bisschen, da legen sie ausführlich lange Papiersilhouetten von Erdendingen im Schwarzlicht aus, dann dreschen sie auf die Theatertreffen-Einladung von Karin Henkel ein. Die Hand beißen, die einen füttert? Ganz originell! Ihr Hass aufs Establishment macht auch vor Pina Bausch nicht halt. Immerhin gehören ihre Nachtanzereien noch zu dem szenisch ergiebigsten Momenten des Abends. Dass sie unfähig sind, den von ihnen angetäuschten Dialog mit dem Publikum auch zu führen, macht die Sache nicht sympathischer.

Was hat Mentor René Pollesch mit seinen Schützlingen besprochen? Haben Sie seine Ratschläge übernommen? Und kann innerhalb der wenigen Tage überhaupt eine performative Entwicklung stattfinden? Im ersten Jahr seines Bestehens jedenfalls bleibt das, was so ein Projektlabor leisten könnte, noch ziemlich schleierhaft.

Am Ende erhielten andere die Preise. Zu recht.

 

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