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16.05.2012

Nürnberger Nachrichten: Zickenkrieg der Sängerstars und Koloraturgewitter

Händels "Xerxes" an der Komischen Oper Berlin: Stefan Herheim entfesselt Bilderfluten mit Doppelbödigkeit

Im Schatten dieses Welthits lässt es sich gut witzeln: „Ombra mai fù“, Xerxes Lied an seinen Freund, den Baum, hat es als Largo zu Popstatus gebracht. Dass Georg Friedrich Händel im Rest der Oper die Grenzen der seria sprengt mit Chören, Ariosos und einem ziemlich mozart’schen Tragikomik-Gemisch, macht sie ziemlich modern. Problematisch bleibt die krude Story: König Xerxes will Romilda, die liebt aber seinen Bruder. Am Ende muss er zähneknirschend Amastris akzeptieren, seine Verlobte, die ihn die ganze Zeit in Männerkleidern verfolgt. Weiteres Personal: eine eifersüchtige Schwester, ein trotteliger Feldherr und ein bauernschlauer Diener. Selbst das Programmheft hält es nicht für nötig, auf die Verstrickungen zwischen ihnen näher einzugehen – sieht eh keiner durch.

Was also tun mit diesem verworrenen Stoff, der ziemlich offen mit dem Widerspruch von Schein und Sein, Bühne und Realität spielt? Stefan Herheim, der Bayreuther „Parsifal“-Bezwinger, hat mal wieder das Geschichtsbuch aufgeblättert. Sein „Xerxes“ spielt im Uraufführungsjahr 1738, wo nie ganz klar wird, was Spiel im Spiel ist und was Zickenkrieg der Sängerstars. Mal zeigt er die barocke Kulissenbühne und ihren geballten Verwandlungszauber von vorn, mal als intimen Garderobenblick von der Seite. Einerseits fährt Herheim eine Opulenz auf, wie sie rar ist an der Komischen Oper (die „Xerxes“ als Koproduktion mit Düsseldorf herausbringt): Allongeperücken, ausladende Kleider, Rüstungen und Schleppen, ausladende Hüte und raffinierte Draperien vor typisierten Orten. Andererseits verweist er stetig auf ihre Kulissenhaftigkeit, ihre Gemachtheit, den Schweiß des Zaubers.

Auch in den Arien: Immer, wenn eine der Diven ihren großen Auftritt hat (die einstigen Kastraten-Rollen sind hier alle mit Frauen besetzt), gockelt sie gespreizt an der Rampe herum, um Gefühle zu behaupten und Spitzentöne zu produzieren. Was auch die Genderverwirrung zuweilen angenehm auf den Gipfel treibt: Während die Frauen hier standhaft die echten Kerle geben, wechselt Hagen Matzeits Diener spielend zwischen Bariton und Countertenor.

Am Ende räumt der Chor in Alltagskleidung die ganze Herrlichkeit beiseite, weil die ollen Leidenschaften nicht mehr in unsere durchrationalisierte Welt passen – ein Kommentar auch zum „Kulturinfarkt“? Davor ist sich Herheim allerdings für keinen Gag zu schade: Rammelnde Schafe gehören zu den platteren Witzen, und dass Koloraturen durch Schmerz oder Lust motiviert werden, hat man auch schon oft gesehen. Dann wieder zünden Herheims Bilderfluten, etwa wenn die eifersüchtige Atalanta gleich ein ganzes Waffenarsenal anschleppt, auf dass der zürnende Xerxes damit ihre Schwester Romilda beseitige, was in einem spektakulären Kanonenschuss mündet.

Endlich wird wieder gezaubert in der Oper, und in Berlin lässt sich Herheim dafür feiern. Dass der Abend trotz Jux, Tollerei und Handlungsunsinn funktioniert, liegt an einer hervorragenden Sängerdarstellerriege. Stella Doufexis (die einst in Nürnberg als Tochter von Regisseur Stavros aufwuchs) in der Titelrolle krallt sich bei aller Trotteligkeit ihrer Herrscher-Karikatur mit Zahnpasta-Lächeln dann doch immer wieder eine Arie, in der sie Leid, Verwirrung und Eifersucht ernst nimmt mit ihrem warmen, grenzensprengenden Mezzo. Aber auch Karolina Gumos, Katarina Bradić, Brigitte Geller und Julia Giebel behaupten ihre Leidenschaften in atemberaubenden Koloraturgewittern als wahr, während um sie herum die Kulissen fallen. Konrad Junghänel bereitet ihnen einen hochengagierten, federnd-warmen Klangteppich – dass das mit ein paar Barockinstrumenten erweiterte Orchester der Komischen Oper Alte Musik kann, hat es schon oft bravourös bewiesen.

Jedenfalls in der nun zu Ende gehenden Ära des Intendanten Andreas Homoki, der vor zehn Jahren das arg eingestaubte Haus in der Behrenstraße übernahm und zielgenau zwischen Unterhaltung und Regie-Experiment ansiedelte, ein vielseitiges, spielfreudiges Ensemble versammelte und den Orchesterklang von Kirill Petrenko und zuletzt dem Franken Patrick Lange aufpolieren ließ. Oft war die Komische Oper das spannendste der drei Berliner Häuser. Homoki zieht weiter nach Zürich, sein Nachfolger Barry Kosky allerdings steht für Kontinuität: Schon jetzt ist der Australier einer der prägenden Regisseure am Haus.


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