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01.05.2012

Heidelberger Stückemarkt: Zur Wiedervorlage

Quo vadis, Dramatik? – Podiumsdiskussion mit Autoren, Verlegern und Theatermachern

Wenn eine Diskussionsrunde mit fünf Köpfen aus der Praxis "Quo vadis, Dramatik?" heißt, ist klar, dass hier nicht die Theaterwelt neu erfunden wird. Aber ein Hauch von Vision wäre schon schön gewesen, als Moderator Frank Raddatz sich mit einem Schauspieldirektor, einer Chefdramaturgin, zwei Dramatikern und einem Verleger in Produktionsverhältnis-Plaudereien verhedderte.

Immerhin ergaben sich erhellende Schlaglichter: Zum Beispiel berichtete Bernd Schmidt (Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb), dass ein Autor für die einmalige Aufführung seines Stücks an einer Studiobühne (bis 99 Plätze, unterste Kategorie, also Größe Osnabrück) eine Pauschale von 83 Euro erhält – bei (nicht unrealistischen) zehn Vorstellungen käme er so auf nicht mal 1000 Euro. Oder dass ein Verleger mitunter weit mehr damit beschäftigt ist, Kunst in Prozente umzurechnen, als ihr beim Entstehen zu helfen: Wenn ein Autor zum Beispiel einen Roman geschrieben hat, auf dem ein Drehbuch beruht, dessen Film jetzt jemand auf die Bühne bringt, hilft nur Bruchrechnung ...

Wenn das Geld gestrichen wird …

Warum das Schreiben auf Uraufführungen hin zunehmend frustrierend ist, erzählte Autorin Katja Hensel: Der Aufmerksamkeitsdruck (da guckt endlich mal die Presse) wirkt zerstörerisch, gerade auf die oft jungen Teams, und nach einem vergeigten Start bekomme ein Stück selten eine zweite Chance. Mit Galgenhumor fordert ihr Kollege Mario Salazar mehr Mut von den Theaterleitern, gerade auch in Bezug auf die Autorenvergütung: "Das Geld wird nächste Spielzeit doch eh gestrichen, da sollten wir doch versuchen, uns noch mal unentbehrlich zu machen." Dazu waren sich Elias Perrig (Theater Basel) und Brigitte Auer (Schauspielhaus Wien) einig, dass man den Erfolg von Stücken nicht voraussagen, geschweige denn planen könne.

Während aus dem Zuschauerraum ebenso eine Sehnsucht nach echten Figuren schwappte wie eine Ablehnung des vorauseilenden Gehorsams, mit dem die Theater dem Markt begegnen, geriet die Frage, wohin denn das Drama nun steuert, vollends aus dem Blick. Die dann doch noch geäußerte Beobachtung, die Stücke würden wieder gesellschaftlich relevanter, welthaltiger, hätte Perrig gerne bestätigen wollen, musste sich aber bremsen: "Vielleicht ist das auch nur eine Wunschvorstellung." Nichts Genaues weiß man nicht? Da hilft nur: Wiedervorlage im nächsten Jahr.

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