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28.04.2012

Berliner Morgenpost: Es setzt als griechische Tragödie an und versandet als Seifenoper

"Die Patriotin" an der Berliner Volksbühne

Für uns Mitteleuropäer ist das natürlich ein harter Brocken: Da begeht ein japanischer Leutnant rituellen Selbstmord, weil er zwischen die Fronten von Kaiser- und Gefährtentreue gerät - und seine Frau Yoko folgt ihm anstandslos. Beschrieben hat das Yukio Mishima in seiner 1966 erschienenen Kurzgeschichte "Patriotismus". Yoko kommt darin kaum zu Wort. Volksbühnen-Chefdramaturg und -Hausautor Thomas Martin hat ihr in "Die Patriotin" eine Stimme gegeben: Zuerst vollendet sie den Tod ihres Mannes, dann zweifelt sie, am Ende stirbt sie doch.

Warum? Aus Liebe? Aus Emanzipation? Man weiß es auch nach der Textlektüre nicht. Wenn am Ende die Frage nach dem, was sie zum Sterben anziehen solle, dominiert, ist der Text, der als griechische Tragödie ansetzt, längst in der Seifenoper versandet. Wo Yukio Mishima sich stilistisch brillant gegen die traumatische Verwestlichung der japanischen Gesellschaft stemmt und noch einmal den nostalgischen Traditionalismus gegen die bedingungslose Öffnung seines Landes siegen lässt, sucht Thomas Martin in seiner Dramatisierung die Wahrheit in der Banalität alltäglichen Gefasels.

Das geht natürlich auch auf der Bühne nicht gut, wo Gero Troike die deutschsprachige Erstaufführung (die Uraufführung fand vor sieben Jahren in Lyon statt) an der Volksbühne als dröges Lamento zerdehnt. Hier ein paar Klimpertöne, dort ein maskierter, schlecht einstudierter Chor vor einer billig zusammengezimmerten Papphütte, hinter der bedeutungsschwer das schwarze Nichts gähnt - fertig ist die Kunstanstrengung. Inmitten der Misere verpufft jedes Bemühen von Kathrin Wehlisch und Bernd Grawert, sonst so profilierte Schauspieler: Worte rieseln wie Staub, dazu tropft Theaterblut, fertig ist die Selbstmordsauerei.

Einen spannenden Moment gibt es: Da rechnet Yoko plötzlich ab mit ihrem Mann, der sich weniger für sie als für seine Mitkrieger interessierte, begehrt auf, beginnt, sich selbst wahrzunehmen. Plötzlich dreht Wehlisch beim Gang durchs Parkett auf, ihre Stimme vibriert wütend, zynisch, sie schaut uns direkt an, für einen kurzen, eigentlichen Moment. Aber ach - danach verzettelt sich der Abend wieder zwischen Maskenpathos und Banalität.

Was einmal mehr die Frage danach aufwirft, was das eigentlich ist mit der Volksbühne: Wenn sich hier nicht gerade René Pollesch, Herbert Fritsch, Vegard Vinge und gelegentlich auch Frank Castorf zu Geniestreichen aufschwingen (und damit zu recht das Theatertreffen im Mai dominieren, wobei Castorfs Inszenierung "Der Spieler" zwar nicht eingeladen wurde, aber in die engere Auswahl kam), herrscht ästhetische Einfalt und geistige Leere. So unterirdisch wie zuletzt Oliver Py, Leander Haußmann und nun Gero Troike muss man erst mal langweilen können. Insofern ist auch das natürlich unbedingt bemerkenswert.


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