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21.05.2012

Nürnberger Nachrichten: Der Reiz der großen Kontraste

Das Berliner Theatertreffen zeigte Mut zum Aufreger—Preis für Stemanns "Faust"

So viel Kontrast war nie beim Berliner Theatertreffen, das heute zu Ende geht: Zwischen 60 Minuten und zwölf Stunden dehnten sich die Vorstellungen, neben Deutsch wurde Flämisch und Kinyarwanda gesprochen, Postdramatik-Exzesse und Diskurs-Pop prallten auf Hyperrealismus.

Die Kluft, die zwischen den prägenden Inszenierungen von „Platonov“ und „John Gabriel Borkman“ zu gähnen scheint, ist jedoch so tief nicht: Sowohl Alvis Hermanis’ Tschechow-Variante vom Wiener Burgtheater wie auch der zwölfstündige Ibsen-Kommentar von Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen vom Berliner Volkstheater spielen höchst kreativ mit dem Realismus-Begriff.

Hermanis’ Landhaus der Generalswitwe Anna Petrovna ist zwar ein Jahrhundertwende-Wunderwerk — sogar die Scheuerleisten im Haus wirken abgewetzt, Farbe blättert, die Tapete wellt sich. Ein Interieur, abgewirtschaftet wie die Gesellschaft. Doch radikal ist, wie sich auf der Bühne niemand ums Publikum schert, wie trotz Protesten aus dem Parkett in Zimmerlautstärke geplaudert wird und sich die Handlung schon mal in die Nebenräume verlagert. Unter Hermanis’ Brennglas zappeln die Menschlein vergrößert, klar erkennt man ihre Ausweglosigkeit, ihren Selbstekel, und doch ist der Blick auf sie unendlich liebevoll. Auch wegen des mit Martin Wuttke, Johanna Wokalek und Dörte Lyssewski prominent besetzten Burg-Ensembles, das klar und verschwitzt, tränennass und pathosarm zugleich spielt.

Unbedingt bemerkenswert auch die ins Gruselkabinett verzerrte Lebkuchenhaus-Ästhetik im „Borkman“, der einem oft um die Ohren fliegt wie all die Handgranaten und Dynamit-Päckchen, die hier detonieren. Wegen des nietzscheanischen Übermenschen-Gefasels des suspendierten Bankiers (Borkman hatte sich im großen Stil verspekuliert) dröhnen Wagner-Ouvertüren, stapelt sich im Tresor das Rheingold neben einer Hakenkreuzplakette und ballern Soldatentruppen die Apokalypse herbei – alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts lassen sich auf Borkmans Größenwahn zurückführen.

Das ist in seiner Überforderung natürlich unerträglich. Genial. Nervtötend. Packend. Komisch. Und in seiner Künstlichkeit radikal realistisch, wenn Vegard Vinge als jugendlicher Borkman-Widergänger die eigenen Exkremente nicht scheut und aufs Publikum losgeht, was dem Abend eine generelle Stimmung der Extremheit und (Auto-)Aggression verleiht.

Daneben kam aus Berlin, das mit fünf Einladungen das Theatertreffen zu Recht dominierte, reines Zuschauerglück: mit Herbert Fritschs „Die (s)panische Fliege“ überdrehter Boulevard-Slapstick, mit René Polleschs „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ ein in pure Liebe umschlagender Pop-Diskurs zwischen Fabian Hinrichs (der den Alfred-Kerr-Darstellerpreis erhielt) und einem Artisten-Chor (beides von der Volksbühne, die damit beweist, dass ihr Formtief überwunden ist). Außerdem „Before Your Very Eyes“ von Gob Squad & Campo, wo sieben Kinder ihr zukünftiges Leben schon mal etappenweise vorspielen – ein grandios simpler wie ungemein berührender Abend.

Berlin und Wien stehen also auf der Habenseite der siebenköpfigen Kritikerjury. Eher mittelprächtig Nicolas Stemanns achtstündiger „Faust“-Marathon vom Hamburger Thalia Theater. Die Jury war anderer Meinung und verlieh ihm den mit 10000 Euro dotierten 3sat-Preis. „Gedankenscharf und gedankenklar eröffnet die Inszenierung ungeahnte Perspektiven auf Goethes Text. Eine spielerische und intellektuelle Freude!“, so das Urteil. Der Beginn ist stark (nämlich wie beim „Werther“, den er vor Jahren im Gostner Hoftheater in Nürnberg inszenierte, mit Tisch, Stuhl und Reclamheft). Und wie Sebastian Rudolph, Philipp Hochmair und Patrycia Ziolkowska zu dritt „Der Tragödie erster Teil“ als Sprech-Orgie bewältigen, ist grandios. „Faust II“ allerdings verläppert dann in wohlfeiler Popironie.

Was allerdings die Jury geritten hat, ebenfalls von den Münchner Kammerspielen Karin Henkels „Macbeth“ einzuladen, der kürzlich in Fürth zu sehen war und Geschlechterkonfusion im Halbdunkeln zeigt? Dennoch war 2012 ein bemerkenswert vielseitiger Jahrgang, der mutigste seit langem. Wenn der Trend anhält, die Aufreger der Saison zu versammeln, ist zwar bald der Elite-Lack ab, um den sich das Theatertreffen bemüht. Dafür aber steckt Leben in der Bude – und das ist für die Zukunft einer Institution, die im nächsten Jahr 50 wird, ein gutes Zeichen.


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