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24.05.2012

Berliner Morgenpost: Im Kochkurs für aggressive Jungs fliegen die Möhren

Klug gestrickte Komödie von David Gieselmann im Grips

Gewalt ist Männersache? Nicht so ganz, müssen die vier Jungs erkennen, als bei ihrem zwangsverordneten Anti-Aggressions-Training Alex auftaucht - und sich hinter dem geschlechtsneutralen Namen ein messerstechendes Mädchen verbirgt. Aber auch sie selbst haben ordentlich was auf dem Kerbholz: Sven hat den Wohnwagen von Japanern angezündet, Leander einen Penner auf U-Bahn-Schienen gestoßen, Victor brutal zugeschlagen und der Drogenkocher Konstantin versucht, ein Mädchen zu vergewaltigen.

Klingt erst mal gar nicht witzig, aber wenn Komödienautor David Gieselmann ("Herr Kolpert") die Fünf in seinem Gripstheater-Auftragswerk "Über Jungs" in einen deeskalierenden Kochkurs steckt, fliegen Möhrenstückchen und verbale Granaten. Natürlich sind die jugendlichen Missetäter in mit Gemüse bedruckten Ganzkörper-Overalls eigentlich liebenswerte Kerle; dennoch entschuldigt Gieselmann ihre Taten auch dann nicht, als er die jeweiligen Vorgeschichten aufdröselt und verweist immer mal wieder auf ihre entsetzliche Selbstgerechtigkeit: "Ich neige nicht zur Gewalt", wird zum Mantra des 90-minütigen Abends. Zugleich zeigt Gieselmann ihre Hoffnungen und Verletzungen, ihre Träume und Leidenschaften. Offen bleibt der Erfolg des Anti-Aggressions-Trainings - was ordentlich Diskussionsstoff für die Zielgruppe 14+ ergeben dürfte.

Die ist bei der Uraufführung ziemlich aus dem Häuschen, weil Regisseurin Mina Salehpour sie mitten in ihrer Realität aus Werbeclip-, Seifenopern- und Castingshow-Ästhetik abholt. Geschickt greift die Regisseurin Gieselmanns leitmotivisch verzahnende Bauweise mit ihren vielen Wiederholungen auf und löst sie augenzwinkernd choreografisch, läuft aber gelegentlich Gefahr, mit ihrem visuellen Popgeschnipsel rund um Jorge Enrico Caros multifunktionalen weißen Küchenquader die Text-Qualitäten zu überdecken.

Immerhin sorgt ihr Zugriff für Tempo mit Reflexionsinseln: Rasant steigen die sieben Schauspieler in Szenen ein und aus, etwa wenn Nina Reithmeiers lässige Alex ihre Gewaltstory als Filmdreh erzählt, bei dem die Anderen mithelfen. Als sich Sebastian Achilles' Victor (mit DSDS-Vergangenheit) und Jens Mondalskis Sven (mit abgebautem Loser-Vater) aufeinander stürzen, verwandelt Robert Neumanns Konstantin (Wunschberuf: Pornokritiker oder irgendwas anderes mit Medien) die Situation in ein Computerspiel.

Auf die Bremse tritt Salehpour, wenn Regine Seidlers Sterneköchin und Jugenddompteuse Christine Duvaldier ziemlich erdige Ratschläge bringt: "Bevor ihr was zu Ende gebracht habt, habt ihr schon Schritt zwei und sieben angefangen. So kann man nicht kochen. Und so kriegt man auch sein Leben nicht in den Griff." Oder wenn sich Alex und Victor verklemmt einander näherkommen und sich alle Coolness als Fassade erweist. Oder wenn alle Jungs zum Handy greifen, um ihre Nervosität bei der Erstbegegnung zu überspielen. Hier steckt das Identifikationspotential, hier schlägt das Herz dieser klug gestrickten Komödie.


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