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04.05.2012

Heidelberger Stückemarkt: Nichts wie weg

Im Rücken die Stadt – Harald Fuhrmanns konzentrierte Cottbusser Inszenierung von Thomas Freyers klugem Stück

Wo der Himmel nicht voller Geigen, sondern voller alter Lampen hängt wie hier, ist die Zukunft zum Scheitern verurteilt: In eine schrumpfende Stadt irgendwo im Osten schneit Ina vom Studium herein, zum Geburtstag des Großvaters. Sofort ist die Laune im Keller: Ihre Mutter fühlt sich alleingelassen und zur Geldbeschafferin degradiert. Ihre Großmutter, die stramme Kommunistin, wirft allen anderen Wendehalsigkeit vor. Ihr Ex Daniel will hier nicht weg und versucht, vollkommen autonom zu leben.

Während sie auf ihren Podestlandschaft-Inseln in Harald Fuhrmanns Cottbusser Inszenierung versuchen, ihre diffusen privaten Befindlichkeiten mit kritischen Fragen zu klären, kauft Heiko, der Selfmade-Man, den halben Ort auf, um einen Freizeitpark zu bauen. Viel ist nicht los in der schrumpfenden Stadt und in dieser konzentrierten, puren Inszenierung. Erst, als der Freizeitpark eröffnet wird, fällt die hintere Bühnenwand – das Publikum und die nun wild blinkenden Lampen spiegeln sich gespenstisch.

Thomas Freyer stellt in seinem klugen Stück die Frage, wie weit uns Vergangenheit bestimmt, bestimmen darf. Wie viel wollen, wie viel sollten wir wissen? Wie weit lässt sich Autonomie leben, bevor sie in Egoismus umschlägt? Und wann ist es Zeit, zu gehen und die Wurzeln zu kappen? Dazu singen Laura Maria Hänsel, Sigrun Fischer, Jan Hasenfuß und Rolf-Jürgen Gebert berührend schlicht Ost-Hits wie "Als ich fortging, war der Asphalt heiß", die jetzt, gut zwei Jahrzehnte nach der Wende, eine neue Bedeutung erhalten.

Antworten gibt's natürlich keine, aber der Chor der desillusionierten Ost-Prototypen, die sich selbst und einander geschwätzig was vormachen, ist dann doch eine Botschaft: Nichts wie weg hier.


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