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02.06.2012

Berliner Morgenpost: Theatermacher zeigen ihre kleine Weltausstellung

Im Tempelhofer Park werden 15 Pavillons bespielt

Abschiede können so schön sein: Oben auf dem Aussichtsturm am Südrand des Tempelhofer Felds blickt man durch ein Fernrohr hinüber zum Flughafengebäude. Während aus den Kopfhörer eine bewegende Händel-Klagearie tönt, liest man am anderen Parkende auf einer LED-Anzeige: Lebwohl, Tempelhof, Deutsche Mark, Negerkuss... Und: "Wir trennen uns nur, um uns wiederzusehen."

"Fare thee well!" heißt schön pathetisch und doch augenzwinkernd Dries Verhoevens Verbeugung vor Matthias Lilienthal, den scheidenden Leiter des Off-Kombinats Hebbel am Ufer. Nach neun Jahren verabschiedet er sich von Berlin und seinen dem HAU verbundenen Lieblingskünstlern mit zwei Mammutprojekten: Zum einen mit dem 24-Stunden-Stadtmarathon "Unendlicher Spaß" nach dem Roman von David Foster Wallace, wo das Publikum einen Tag lang mit dem Bus zu Stationen von SheShePop, Gob Squad, Chris Kondek und anderen gekarrt werden. Zum anderen mit der "Großen Weltausstellung", die sich in 15 Pavillons bis zum 24. Juni auf dem ehemaligen Tempelhofer Flughafengelände erstreckt.

Weltausstellung? Expo 2012? So ungefähr. Der Untertitel "The World Is Not Fair" deutet's schon an: Statt technischer Leistungsschau mit Jahrmarkt-Appeal gibt's hier eine Art künstlerisches HAU-Fazit als Abenteuerspielplatz für Erwachsene mit kritischer Welt-Bestandsaufnahme. Besonders treffend gelingt das Rabih Mroué in "Double Shooting": Wer in 18 Sekunden (also: im Laufschritt) den Korridor mit seinen 72 Einzelaufnahmen passiert, erlebt, wie ein syrischer Soldat den Träger der Kamera erschießt. Dass man so selbst zum Opfer wird, ist natürlich Teil der Inszenierung, die Mroué klug reflektiert.

Um die Macht der Bilder geht es auch in der Ballonhalle, einem Wellblechkasten, in den das von Olafur Eliasson geleitete Institut für Raumexperimente ein hölzernes Amphitheater gebaut hat. Hier diskutieren die Institutsteilnehmer zum Beispiel Theorie-Texte von David Foster Wallace und das Verhältnis von Kunst und Betrachter. Besucher können sich als Gasthörer dazusetzen; die Wahrscheinlichkeit, den Star-Künstler persönlich zu treffen, ist eher gering.

Für zwei Performances muss man sich vorher gesondert anmelden: Während Toshiki Okada zwar die tolle Idee hatte, den havarierten Atomreaktor von Fukushima nachzubauen, sie aber mit einer ziemlich albernen Performance verknüpft, lohnt sich "Die Werkstatt des Metatron" von machina eX. Am ehemaligen Hundezwinger geht's erstmal einen Turm hinauf, dann durch eine Art Geburtskanal hinunter. Um in die Baracke zu gelangen, muss man in der Gruppe eine Aufgabe lösen - wie in einem Computerspiel, das die Vorlage diente. Drinnen herrscht dann Gruselkabinett- und Schatzsucher-Stimmung - und das dumme Gefühl, dass die Apokalypse schon gewesen ist.


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