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05.06.2012

Berliner Morgenpost: Martin Wuttke spielt sich in Rage

Was für ein Kerl! Martin Wuttke, ewiger Arturo Ui, "Tatort"-Kommissar und Burg-Schauspieler, ist wieder omnipräsent an der Volksbühne.

Drei Mal stemmt er in einer Molière-Trilogie die Hauptrolle, am Freitag steht "Der Geizige" an. Jetzt aber hat Wuttke erst einmal höchstselbst Molières späte Komödie "Der eingebildete Kranke" inszeniert, die unter anderem dafür berühmt ist, dass der französische Dichter und Schauspieler in der Titelrolle Argan kein Hypochonder, sondern so krank war, dass er 1673 während der vierten Vorstellung auf der Bühne zusammenbrach und wenig später starb.

Gar so dramatisch ist die Situation an der Volksbühne nicht, wo lediglich Brigitte Cuvelier, die die raffgierige Gattin Belinde lieblich säuselt, mit echtem Gips im historischen Rollstuhl sitzt. Der Rest ist schönstes Fantasie-Barock von Bert Neumann: Im Giebel seiner Jahrmarktsbretterbühne sitzt der Tod als Gerippe und dreht klappernd die Sanduhr um. Hinterm weißrot gestreiften Vorhang öffnet sich eine schwarzweiß kassettierte gute Stube, in der Argan im Nachthemd und im hingegrunzten Französisch die überteuerten Rechnungen seiner Ärzte verflucht.

Selbst schuld, möchte man dem passionierten Hypochonder zurufen, aber wie Wuttke schlurft und humpelt, schnieft und schreit, wie er entsetzt aus den tiefschwarz geränderten Augen schaut über eine Nase, die schon von der Pest angefressen scheint, bekommt man doch Mitleid mit ihm. Bis Argan seine Tochter Angelique aus Eigennutz mit einem Arztsohn verheiraten will, der bei Maximilian Breuer höchst grenzdebil über die Bühne krabbelt. Hinreißend, wie erst Abdoul Kader Traorés Cleanthe, der so tut, als wäre er Angeliques Gesangslehrer, eine Opernhandlung aus dem Ärmel schüttelt, um vor aller Augen an seiner Geliebten herumzufummeln (steht alles schon bei Molière) und dann Brauers Nebenbuhler dieselbe Show noch einmal abzieht mit einem frisch erfundenen Drehbuch.

Immer, wenn die Handlung derart eskaliert, wenn Wuttke sich in Rage spielt oder sich die Figuren zu grotesken Tableaus verknäulen, entstehen großartige Momente. Zwar weiß man selten, ob das noch geistreich ist oder schon grober Schenkelklopfer, wenn etwa gleichzeitig Suppenteller und Argans Nachttopf die Runde machen und natürlich irgendwann das Eine ins Andere fließt. Oder wenn Argan mit einer riesigen Klistierspritze versorgt wird, ihm das Wasser aber nicht hinten, sondern vorne herauskommt und im hohen Bogen auch in der ersten Parkettreihe landet. Aber Witz hat es doch, und auch Molières Komik wurzelt durchaus bei Hanswurst und Karneval.

Dann wieder ziehen sich die öden Minuten im zweistündigen Abend, wenn mutwillig auf Französisch parliert wird (drei Schauspieler sind Muttersprachler), sich Texte von Antonin Artaud einschmuggeln und die Handkamera rotiert. Zum Totlachen, wie der Vorhang der Barockbühne verkündet, ist das nicht. Aber zum Kichern reicht's allemal.


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