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06.06.2012

Berliner Morgenpost: "Das Berliner Tempo merkt man meinen Dialogen an"

Ein Erfolgsrezept: Viele Theaterautoren zieht es in die Stadt

Es gibt viele Gründe, Berlin zu lieben. Für die Autoren von Theaterstücken besonders: "Alles, was es woanders auch gibt, ist in Berlin schneller, potenzierter", sagt Charlotte Roos. "Gut möglich, dass das mein Schreiben beeinflusst." Roos ist auf Stückemärkten gerade eine der gefragtesten Autorinnen: Gleich drei Mal präsentiert sie in diesem Jahr "Wir schweben wieder", zum Beispiel bei der Langen Nacht der Autoren am 16. Juni, dem Höhe- und Endpunkt der Autorentheatertage des Deutschen Theaters Berlin, die gestern begannen.

Dieser Jahrgang ist fest in Berliner Hand: Zwei der drei Dramatikerinnen, die hier ihre Stücke vorstellen, sind von hier. Die Autorentheatertage sind kein Einzelfall. Bei den Mülheimer Theatertagen, die morgen zu Ende gehen, kommen sechs von acht Autoren aus Berlin, beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2011 waren es fünf von sechs. In diesem Jahr, wo die Hälfte der Eingeladenen aus europäischen Ländern stammten und außerdem zum ersten Mal eine Stückentwicklung dabei war, lag Berlin mit einem Teilnehmer gut im Rennen: Michel Decars Stück "Jonas Jagow" gewann den mit 5000 Euro dotierten Förderpreis für neue Dramatik sowie die Uraufführung am Berliner Maxim Gorki Theater. Und dann war da noch Anfang Mai der Heidelberger Stückemarkt, wo vier der sieben Autoren aus Berlin kamen - neben Roos auch Katja Hensel, Mario Salazar und Reihaneh Youzbashi Dizaji. Der Hauptpreis ging an den Österreicher Thomas Arzt, Hensel allerdings erhielt den mit 2500 Euro dotierten Publikumspreis.

Die Dominanz Berliner Autoren hängt natürlich mit Berlins Lebensqualität zusammen. Denn dass die wenigsten von ihnen an der Spree geboren wurden, versteht sich von selbst - die Stadt lebt von der Migration, gerade in der Kultur: Ihre größten Schriftsteller kamen aus der Provinz, Theodor Fontane aus dem märkischen Neuruppin, Alfred Döblin aus Stettin und Bertolt Brecht aus Augsburg.

Roos stammt aus Düsseldorf und zog vor drei Jahren in die Stadt, weil es "das Machbarste" war für sie und ihren Lebensgefährten, einem Schauspieler. "Die Wohnungen sind bezahlbar, man ist schnell überall." Längst schätzt sie die Vorzüge einer Stadt, die die literarische Produktion befördert. Vorzüge, die sich manchmal erst bei ihrer Abwesenheit offenbaren, wie Roos erzählt: "Ich habe mal ein Stipendium erhalten mit Aufenthaltspflicht im Münsterland. Natürlich war die Natur toll, trotzdem habe ich mich wie weggesperrt gefühlt. Die Stille im Kopf war für das Schreiben Gift." Berlin hingegen besitzt ein Hintergrundrauschen, das anregt: "Allein die Möglichkeit, dass man einen Kaffee trinken gehen oder sich mit Freunden treffen könnte, hält mich manchmal noch ein bisschen länger am Schreibtisch."

Und noch einen entscheidenden Vorteil bietet Berlin für alle, die kreativ arbeiten, das aber meist zu mageren Konditionen, ohne Festanstellung und umfassende soziale Absicherung: Hier wird man nicht so sehr an bürgerlichen Vorstellungen gemessen. Roos erzählt: "In Düsseldorf muss man bei manchen Leuten aufpassen, dass man nicht bemitleidet wird. Hier ist man eine von vielen."

Auch als Kulisse taugt Berlin. Mario Salazar, der im vergangenen Jahr beim Theatertreffen-Stückemarkt für "Alles Gold was glänzt" den Hörspielpreis erhielt, ist einer der wenigen gebürtigen Berliner unter den Dramatikern. Der Sohn eines Chilenen und einer Deutschen wuchs in Prenzlauer Berg auf. Vielleicht ist das der Grund, warum in seinem Heidelberger Wettbewerbs-Stück "Am Leben werden wir nicht scheitern" Berlin als Stadt eine Rolle spielt. Zwar wird sie nicht namentlich erwähnt, aber der Hinterhof zwischen Vorder- und Gartenhaus, bevölkert mit jeder Menge höchst skurriler Typen, hat seinen Ursprung eindeutig in hier: "Da bin ich aufgewachsen, da hab ich gespielt", sagt Salazar. In den rauen Ecken fühlt er sich zu Hause, mit dem Milljöh kann er viel anfangen - was man seinen Texten durchaus anmerkt, die auch stilistisch von der Stadt beeinflusst werden: "Ich glaube, dass man Berlins Tempo in meinen Dialogen merkt, in ihrer Spannung, ihrem Rhythmus."


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