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18.06.2012

Berliner Morgenpost: Überdosis Sehnsucht

Die Autoren-Theatertage haben sich durchgesetzt: Hochklassige Gastspiele, eine lässige Atmosphäre und spannende Stücke in der Langen Nacht

Selbstverständlich ist es nicht, dass sich in Berlin ein neues Festival etabliert. Im immerwährenden Überangebots-Ausnahmezustand reihen sich bei Theatertreffen, Foreign Affairs (das im Herbst die Spielzeit Europa ablöst) und F.I.N.D. die prominenten Gastspiele und Nachwuchsförderungen. Vor dem Deutschen Theater merkt man allerdings schnell, dass die Autorentheatertage, von Intendant Ulrich Khuon 2010 aus Hamburg mitgebracht, angekommen sind: Ab etwa 18 Uhr füllt sich der Platz vor dem Haus, bildet sich an Außenbar und Grill eine Schlange, sitzen die Gäste lässig auf den Klötzen, die zusammen mit einem quietschgrünen Kasten das "Kinderzimmer" ergeben, das das junge DT über die Festivalzeit bespielte.

Dass die Autorentheatertage mit einer Auslastung von 90 Prozent nicht untergehen im Hauptstadtzirkus, liegt natürlich auch am Programm. Längst haben sie sich zum alternativen Theatertreffen (TT) entwickelt, gerade 2012: Weil die TT-Jury in diesem Jahr keine prominente Uraufführung einlud, konnte das DT die neuen Stücke von Roland Schimmelpfennig, Peter Handke und Elfriede Jelinek selbst zeigen.

Zuschauer in den Keller verbannt

Jelinek hat mit "FaustIn and out" ein "Sekundärdrama" zu Goethe geschrieben. Dusan David Paøízek hat seiner selbstbewusst "Faust 1-3" genannten Uraufführung am Schauspielhaus Zürich (und auch am Deutschen Theater) einen kleinen Teil der Zuschauer in den Keller verbannt. Während sich hier die drei Frauen - auch räumlich - beklemmend Jelineks vor allem um den Fall Fritzl kreisende Suaden zuraunen, ziehen oben Edgar Selge und Frank Seppeler eine witzige Buddy-Show ab. Sowie die Kellerfrauen ins Spiel kommen, sind der Spaß und auch bald Gretchen tot - da gruselt's einen ebenso wie zuvor im Verlies.

Zu den Promi-Gastspielen gehörte auch "Three Kingdoms", eine Koproduktion der Münchner Kammerspiele mit Tallinn und London. Faszinierend die konsequente Dreisprachigkeit in Simon Stephens Krimi, irritierend der routiniert von Sebastian Nübling inszenierte Plot, der allerdings ausgerechnet auf der deutschen Station durchhängt. Aufmerksamkeitslöcher provozierte auch "Immer noch Sturm", Peter Handkes autobiografische Selbstbefragung, von Dimiter Gotscheff bei den Salzburger Festspielen und am Thalia Theater auf gute vier Stunden erkundet. Im grünen Schnipselregen gehen manche Nuancen und Ungeheuerlichkeiten unter, aber es bleibt genügend Beeindruckendes: eine bitterböse Geschichtsstunde, in die der überragende Jens Harzer aktuelle EM-Spielstände schmuggelt.

Allerdings geht's auch bei den Autorentheatertagen eine Nummer kleiner: Während sich Dirk Lauckes "Angst und Abscheu in der BRD" auf der Suche nach den Nazis und Beton in den Köpfen im Geplapper verheddert, wird in Thomas Arzts Gebirgshorrortrip "Grillenparz" volksstückhaft, aber letztlich harmlos geraunt - Suspense ist auch nur ein Effekt.

Besserung ist immerhin in Sicht: Nach Filmkritiker Michael Althen (Motto: "Interest me!") und der schriftstellernden Journalistin Elke Schmitter (sie wollte Komödie und bekam routiniertes Lachmuskeltraining) gab Theaterkritiker und Ex-TT-Juror Tobi Müller in diesem Jahr für die Lange Nacht die Parole aus: "Sei nicht du selbst!" Statt Authentizitätswahn und Nabelschau forderte er von den Autoren Einfühlung und Recherche. Müller fand neben zwei erfahrenen Autorinnen auch ein Talent: Sarah Tabea Paulus, in Berlin geboren und aufgewachsen, studiert hier an der UdK Szenisches Schreiben. In ihrem Erstling "Totberlin" geht es um drei junge Leute, alle ziemlich neben der Spur: Fox ist Künstler, von Berlins Struktur besessen und auf der Suche nach dem Nichts. Nach einem Selbstmordversuch verstrickt er sich mit seiner Schwester Glas und ihrer Freundin Chantal in eine ausfransende Dreiecksgeschichte.

Der Text ist eine Herausforderung, weil konkrete Poesie auf Seifenoper trifft und die Sprache mit ihrer Wortneufindungssucht manchmal übers Ziel hinausschießt. Aber da glüht ein vielversprechendes Wollen. Allerdings nicht, wenn Regisseure wie Potsdams Intendant Tobias Wellemeyer "Totberlin" in die Finger kriegen. Der hat Melanie Straub und Stefanie Melzer mitgebracht, die grob in Paulus' zarte Geschöpfe fahren und eine Hysterie etablieren, die erst Alexander Khuon erdet. Motiviert wird hier nichts, sondern alles mit Stadtvideos und Live-Gitarrenriffs übergossen.

Sie kommen sich nicht näher

Bei den anderen beiden Werkstattaufführungen - die Texte sind leicht gekürzt, die Inszenierungszeit kurz - handelt es sich dennoch um veritable Uraufführungen mit prominenter Besetzung (die wahrscheinlich nur deshalb nicht so genannt werden, um den Autorinnen die Chance einer prestigeträchtigen Uraufführung nicht zu verbauen). Nina Büttners Stück "Schafinsel" wirkt beim Lesen wie eine Tragödie im Milljöh, kommt aber als die kracherne Komödie mit Sehnsuchtsüberschuss auch gut, die Stuttgarts Schauspielchef Hasko Weber hier inszeniert. Schade nur, dass Brutalo Toni beim netten Andreas Döhler seine Bedrohlichkeit einbüßt - so spielen sich Almut Zilchers grandiose Suff-Mutter und Olivia Gräsers zarte Prostituierte virtuos in den Vordergrund.

Virtuos auch Charlotte Roos' "Wir schweben wieder", wo vier Haltlose sich - stilsicher miteinander verzahnt - selbst reflektieren, ohne sich näher zu kommen. Während eine Simultandolmetscherin die Weltrettungsphrasen des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez übersetzt, steuern die Anderen auf ein lakonisch-komisches Katastrophenfinale zu. Cilli Drexel, Hausregisseurin in Mannheim, verteilt die Schauspieler auf vier Podeste, kleine Bühnen, auf denen Natali Selig, Bernd Moss, Sven Fricke und Natalia Belitski erkenntniskomische Glanzlichter setzen.

Die Autorentheatertage, die sich wegen ihrer Hochkaräter-Gastspiele und der lässigen Atmosphäre durchgesetzt haben, bewiesen mit der diesjährigen Langen Nacht auch in der Nachwuchsförderung ihren Sinn. Ulrich Khuon, der gerade über eine Vertragsverlängerung verhandelt, hat die Fortsetzung des Festivals zu einer seiner Bedingungen gemacht. Gut so.


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