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22.06.2012

nachtkritik.de: Kein Ratgeber

Buchhinweise Juni 2012

Wie entsteht ein Stück? Auf dem Theater, argumentiert der Autor (und Dramaturg am Berliner Deutschen Theater) John von Düffel in "Wie Dramen entstehen": Wer Stücke schreibt, muss die Bühne stets im Kopf haben, das Theater kennen und verstehen. Eine Binsenweisheit? Wenn man sich quer durch die dramatischen Erzeugnisse der Saison liest, möchte man sie dem einen oder anderen Jungautor dennoch unbedingt ans Herz legen. Ebenso wie den gesamten ersten Teil des Buches.

Natürlich lernt man bei Düffel nicht, Textflächen à la Jelinek zu schreiben. Aber wie ein Drama funktioniert und wie man als Autor Charaktere entwickelt, Dialoge baut und auf Makro- und Mikrospannung achtet, beschreibt von Düffel ebenso anschaulich wie treffend. Aus seinen persönlichen Vorlieben – etwa der, sich eine Figur beim Schreiben entwickeln zu lassen statt sie vorher am Reißbrett exakt festzunageln zwischen "Want" und "Need" (amerikanische Drehbuchschule) – macht er keinen Hehl. Als alleinseligmachende Handlungsanweisungen sind seine Ausführungen ohnehin nicht gedacht.

Auch den zweiten Teil von Lektor Klaus Siblewski, Ko-Autor der ebenfalls in dieser Reihe erschienenen Bücher zu Gedichten und Romanen, sollte man nicht vollkommen ignorieren. Seine wenigen bedenkenswerten Anmerkungen zum Schreib- und Produktionsprozess allerdings versteckt er in einer Flut an kaum erträglichen Allgemeinplätzen und Psychologisierungen.

Als Beispiele zitiert er nicht etwa Gespräche mit lebenden Autoren, sondern autobiographische Passagen von Heiner Müller, Tankred Dorst und Co. Zudem versetzt er sich und die Leser in eine Art exemplarischen Dramatiker hinein, was dann so klingt: "Dieser [Schreib-]Schwung kann auch zum Erliegen kommen. Häufen sich die nur vorläufig niedergeschriebenen Formulierungen, und wird der Text immer löchriger, dann kann es geschehen, dass der Autor unsicherer wird und der Schreibfluss sich abschwächt und vielleicht sogar versiegt." Nein, wirklich?

Beide Autoren aber bemühen sich, so zu schreiben, dass auch der gelegentliche Theaterbesucher den Durchblick behält. Was sehr für dieses Buch spricht (vor allem für von Düffel), das weniger Ratgeber ist als eine leidenschaftliche Liebeserklärung ans Theater.

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