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07.07.2012

nachtkritik.de: Wildwuchs und Quotenzauber

"Spuk unterm Riesenrad" – Eine Enthusiastengruppe macht den Orginaldrehort zur Bühne eines Sommerspektakels

Gäbe es Geister, hier würden sie hausen: Im ehemaligen Spreepark Plänterwald, einst einziger ständiger Vergnügungspark der DDR, rotten die Fahrgeschäfte vor sich hin, wuchern Pflanzen in den Schwanenbooten, quietschen die Gondeln des Riesenrades. Eine grandiose Kulisse, die Filme nutzen und auch das Theater – etwa das HAU mit seinem Lunapark-Projekt, bei dem das Areal angenehm gespenstisch wirkte.

Es spukt im Sozialismus

Naheliegend, hier auch "Spuk unterm Riesenrad" zu inszenieren, jene 1979 zum ersten Mal ausgestrahlte Serie des DDR-Fernsehens, deren Handlung im Spreepark beginnt: Aus Versehen erwecken die Enkel zweier Schausteller drei Geisterbahn-Gestalten zum Leben – und jagen nun Hexe, Riese und Zwerg, die über standesgemäß magische Kräfte verfügen und nicht zurück auf ihre Plätze wollen.

"Spuk unterm Riesenrad" wurde zunächst als siebenteilige Serie, dann als auf zwei Teile kondensierter Kinofilm ein Erfolg, der es auch ins westdeutsche Fernsehen, nach Spanien und China schaffte und zwei Folge-Projekte inspirierte ("Spuk im Hochhaus", "Spuk von draußen"). Vielleicht, weil hier das Übersinnliche trickreich in den real existierenden Sozialismus einbrach. Vielleicht, weil die Dialoge von C. U. Wiesner und Günter Meyer erstaunlich rau und cool geraten waren. Vielleicht auch, weil Schauspielgrößen wie Käthe Reichel und Katja Paryla mitwirkten. Jedenfalls muss man kein Ostalgiker sein, um die Serie zu mögen.

Aberwitzige Achterbahnfahrt

Aber die Theaterversion? Unterm Plastikzeltdach drängen sich 200 Zuschauer mit Blick auf die Naturbühne, auf der eine naiv bepinselte Papp-Kulisse steht (vor dem wirklich beeindruckenden realen Riesenrad und der wuchernden Flora). Clemens Wolkmann und Hannes Hahnemann erzählen die Geschichte "sehr frei nach dem Szenarium der erfolgreichen TV-Serie" nach: Statt freundschaftlichem Gemotze im Berliner Ost-Slang sind die Dialoge mit aktuellen Scherzen und Zoten gespickt und pendeln mit hoher Frequenz zwischen Fremdscham und Aberwitz; vom Plot bleiben die zentralen Wendepunkte, der Rest wurde pragmatisch Ort und Zeit angepasst. Außerdem gibt's peinliche Songs, selten synchron mit der Begleitung aus der Konserve und mit naiven Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Texten.

Dennoch funktioniert der Abend als Sommerspektakel. In erster Linie wegen der Schauspieler, die sich mit einer Leidenschaft in ihrer Rollen werfen, die beeindruckt (angeblich gibt’s für sie nur Gage, wenn genügend Zuschauer kommen): Bärbel Röhl und Uschi Marr sind hinreißende Großeltern, Fridolin Richter, Heidi Zengerle und Christine Scherzer zuerst im Märchenwald-, später im Rocker-Outfit ernstzunehmende Geister, und mit Torben Krämers treudoofen Oberwachtmeister Bullerjahn auf dem Dienstmoped gibt's einen sympathisch norddeutschen Amtsdeppen.

Staubsaugerflug über Scheinfachwerk

Sie alle legen sich mit Ganzkörpereinsatz ins Zeug, um die weite Bühne in den Griff zu bekommen, jagen von Station zu Station und durch die Reihen. Natürlich chargieren sie dabei auch, was die großen Gesten hergeben. Aber sie wissen darum ebenso wie um Pappe und Schminke – und spielen dieses Wissen augenzwinkernd mit, ohne ihre Figuren darüber zu verraten. So verwandelt sich Knattertheater in Camp – ein Kontext, in dem auch eine dämliche Pointe zünden kann.

Der Genius loci bleibt dabei der Grundton, der Orgelpunkt dieses Abends: Schon auf dem Weg zur Spielstätte eilt man durch weite Parkteile, gleich am Eingang drehen sich kleine Karussells vor den Ruinen (einer der neuesten Versuche, das Gelände temporär wiederzubeleben), nahe der Bühne prallen Crêpes- und Wurststände auf verfallenes, märchenhaftes Scheinfachwerk. Wenn in dieser Umgebung Riese, Hexe und Zwerg auf ihrem Staubsauger durch die Luft fliegen, vergisst man für Momente, dass es nur Stabpuppen sind.


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