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12.07.2012

Berliner Morgenpost: Der Überraschungserfolg der Saison

Das Theaterstück "Tschick" zeigt, dass man Romane höchst erfolgreich dramatisieren kann

Da planen Dramaturgen und Schauspieldirektoren monatelang eine Spielzeit, wägen Stoffe ab, suchen die passenden Spielstätten - und dann kommt alles ganz anders: die Bühne zu klein, die Nachfrage unerwartet groß. "Tschick" heißt das Überraschungsstück dieser Saison.

Als das Deutsche Theater (DT) seine Produktion "Tschick" wegen der überwältigenden Nachfrage von der nur 70 Zuschauer fassenden Box in die Kammerspiele mit 234 Plätzen verlegte, war das vor allem schön für das Haus. Aber es war kein Einzelfall. Fast zeitgleich zog die Dresdner Uraufführungsinszenierung auf eine größere Bühne, kündigen immer mehr Häuser "Tschick"-Premieren an. Ein neuer Stern am Stücke-Himmel.

Dabei ist "Tschick" zunächst einmal ein genialer Roman, in dem Wolfgang Herrndorf zwei 14-jährige Jungs im geklauten Lada durchs wilde Ostdeutschland schickt. Beim Kampf ums Vorwärtskommen werden die beiden Außenseiter Maik und Andrej (Spitzname: Tschick) ziemlich beste Freunde und erleben die tollste Woche ihres Lebens. Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren wurde aus dem Buch eine Bestseller-Legende: 17 Auflagen und knapp 550.000 verkaufte Exemplare, dazu zahlreiche Preise und Lizenzverkäufe in 18 Länder. Vor allem aber ist "Tschick" eines der seltenen Bücher, die gleichermaßen Jugendliche begeistern wie ihre Großeltern, Akademiker wie Handwerker, Literaturjunkies wie Lesemuffel.

Nun sind Romandramatisierungen auf der Bühne keine Seltenheit mehr, Stoffe wie Theodor Fontanes "Effi Briest", aber auch Uwe Tellkamps "Der Turm" gehören längst zum Repertoire. Dass das Theater sich in diesem Bereich zunehmend bedient, ist aber nicht unumstritten. Und zahlreiche gescheiterte Adaptionen wie die Mammutprojekte "Joseph und seine Brüder" nach Thomas Mann am Deutschen Theater oder "Die Wohlgesinnten" nach Jonathan Littell am Maxim Gorki Theater haben gerade in Berlin bewiesen, dass nicht jede Prosa zu bändigen ist. Anders "Tschick".

Das liegt auch an Robert Koall, Chefdramaturg des Staatstheaters Dresden. Er ist mit Herrndorf befreundet, hatte deshalb den Roman als einer der ersten gelesen und seinem Haus die Rechte gesichert, bevor der Hype um den Roman begann. "Ich war sofort verliebt in das Buch, ein Jahrzehntewurf", sagt Koall, "ein Gücklichmacherstoff!" Als er Herrndorf die Dramatisierung vorschlug, sagte der: "Mach mal!" Also machte Koall, raffte und kürzte, strich Nebenhandlungen und -figuren, schließlich sollte das Ergebnis nicht über zwei Stunden liegen. Dabei half, dass Herrndorfs Roman neben dem ironisch swingenden Erzählerton auch von kraftvollen Dialogen lebt, die sich unmittelbar für die Bühne eignen. Mit einem Theatererfolg rechnete dennoch niemand.

Eine große Leichtigkeit

Ähnlich erging es Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters. Als "Tschick" im September 2010 erschien, gehörte auch Khuon zu den ersten Lesern. "Ich wäre aber nicht auf die Idee gekommen, das Buch zu dramatisieren, weil es mir wie eine Spekulation auf den Riesenkracher vorgekommen wäre und es so ausgesehen hätte, als würden wir es nur wegen des Erfolgs machen."

Dennoch musste die Leiterin des Jungen DTs, Birgit Lengers, mit dem Vorschlag, "Tschick" in ihrer Jugendreihe zu inszenieren, nicht viel Überzeugungsarbeit leisten. "Das gibt es so selten, dass der Ton so wahrhaftig ist und zugleich eine große Leichtigkeit besitzt", sagt Khuon. "Das Tolle an 'Tschick' ist: Wir Erwachsenen sind oft voller Negativklischees, etwa 'Du musst deine Träume beerdigen'. Herrndorf löst diese Klischees mal andersrum auf, beglückend optimistisch."

Auch deshalb freut sich Khuon besonders über den Inszenierungs-Erfolg - und wagte den Transfer in die Kammerspiele, obwohl das Konzept klar auf die Box zugeschnitten war: "Irgendwann kann man dem Publikum die langen Wartelisten nicht mehr erklären. Wir hätten die Produktion aber nicht rübergeholt, wenn nicht alle Beteiligten das Ergebnis gut gefunden hätten." Eine ausgemachte Sache war der Bühnenerfolg für ihn übrigens nicht: "Ich hatte zwar extrem viel Vertrauen in den Stoff, aber Romandramatisierungen können schnell kippen - man kann einfach nicht davon ausgehen, dass sie von der Kritik so positiv aufgenommen werden wie 'Tschick'".

Diese Inszenierung macht glücklich

Dass Presse und Publikum jubelten, liegt natürlich auch an der Umsetzung. Schon bei der Dresdner Uraufführung: Jan Gehler inszeniert ein Spiel der Andeutungen und kleinen Gesten, der feinen Zuspitzungen und leisen Töne. Wenige Zutaten kombiniert er vor und auf einer Asphaltwelle: ein 80er-Jahre-Ghettoblaster, halb Musikquelle, halb Auto, dazu ein Schlauch, Süßigkeiten, eine Melone. Seine Inszenierung macht süchtig - und glücklich. Ähnliches gilt für die Berliner Version von Alexander Riemenschneider. Dabei greift der Regisseur stark in Koalls Vorlage ein und löst die Rollen auf: Sven Fricke und Thorsten Hierse sind beide Maik, aber auch alle anderen Charaktere. Selbst mitten im Dialog wechseln sie fliegend die Rollen. Verwirrend ist das nicht, sondern hervorragend gespielt. Neben den Pointen zünden auch die Momente ungehemmter Melancholie, die bruchlos zurückkippen in den Witz. Ein Auto gibt's nicht, dafür einen Live-Musiker in einer Kakteen-Landschaft. Beide Inszenierungen sind so leicht wie Herrndorfs Sprache, die so schwer zu machen ist: Nicht ein Wort ist falsch, nicht ein Satz lässt sich finden, der das Repertoire eines 14-Jährigen sprengte.

Nach Dresden und Berlin folgten Karlsruhe, Osnabrück und Potsdam. Ab Herbst wird "Tschick" 22 Mal zwischen Aachen und Cottbus, Wilhelmshafen und Graz inszeniert - und könnte damit das meistgespielte Stück der Saison werden und selbst Klassiker wie "Faust" hinter sich lassen.

Ein Selbstläufer also? Keineswegs. Das erkennt man in Potsdam, wo Sascha Hawemann "Tschick" inszeniert hat. Er schickt zwei ziemlich notgeile, testosteronschwangere Spätteenager ins Rennen, packt jede Menge szenische Gags dazu, ironisiert die Gefühle seiner Helden und lässt die Schauspieler ihre Texte so schnell sprechen, dass sich die feinen Herrndorfschen Pointen nicht entfalten können. Hawemann denunziert so nicht nur Maik und Tschick, sondern macht aus den verschrobenen Nebenfiguren, was sie bei Herrndorf gerade nicht sind: Freaks. Am besten, man spült den Eindruck mit einer Neu-Lektüre von "Tschick" herunter. Oder besorgt sich frühzeitig Karten für die Aufführung im Deutschen Theater.


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