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26.05.2012

Berliner Morgenpost: Der Griff nach den Sternen endet im Dreck

Am BE wird "Liliom" vom Wiener Schmäh entschlackt

Das Leben ist ein Rummelplatz, und in diesem Fall ein besonders trister: Zwischen hässlichen Straßenlaternen schaukelt ein Autoreifen am Seil, drunter dreht sich die Bühne zur melancholischen Synthesizer-Musik, im Hintergrund leuchtet unter einem Sternenschweif "Skyflyer". Aber zum Himmel fliegt hier keiner und auch der Griff nach den Sternen endet im Dreck.

"Liliom", das war 1909 bei Ferenc Molnár eine Budapester "Vorstadtlegende" vom Ausrufer, der seinen Job verliert, auf die schiefe Bahn gerät, beim Raubzug stirbt und von einem Himmelsgericht zur Wiedergutmachung zurück auf die Erde geschickt wird. In Alfred Polgars Übersetzung verwandelte sich "eines Galgenvogels Leben und Tod" in ein Wiener Sozialmärchen. Am Berliner Ensemble dreht Mona Kraushaar die Schraube streng weiter: Weg von Hans Albers und "Komm auf die Schaukel, Luise", weg auch vom Pratercharme. In zwei guten Stunden treibt die Regisseurin, die am BE zuletzt "Romeo und Julia" inszenierte, die menschelnde Geschichte vom Strizzi in eine griechische Tragödie mit Gefühlsüberschuss: Stolz und sehend rennt Liliom in sein Unglück, eigensinnig opfert er nicht nur sich, sondern auch das Schicksal von Frau und Kind, weil ein Kerl seines Formats eben nicht Hausmeister sein kann.

Johannes Krisch ist Liliom – und ein Ereignis. In zerfransten Jeans, Cowboyhut und –stiefeln schlenzt er über die Bühne, als wäre sie sein Saloon, fährt sich lässig durchs zurückgekämmte Haar, ein in die Jahre gekommener James Dean, der um jede seiner Gesten weiß. Wichtiger als die karg hingerotzten Worte, die im warmen Wienerisch bei aller Brutalität auch immer Charme atmen, sind ohnehin die Körperspuren, die er auslegt: ein Zungenspiel in der hohlen Wange, ein grüblerisches Zähnefletschen, das stumme Mahlen seiner Kiefer, die herausfordernden Blicke. Und doch ist da auch einer, der nicht aus seiner Haut kann, die vor Sehnsucht zum Platzen gespannt scheint.

Schön ist er nicht, aber wie er mit seiner Männlichkeit protzt, mit seiner Coolness auch und seiner Kraft, ahnt man, warum Larissa Fuchs’ Julie sich in ihn verliebt – und warum die Sache scheitern muss. Entschlossen stemmt sie sich gegen und an ihn, dem man doch gleich ansieht, dass er zum Ehemann nicht taugt. Mit steifem schmalen Körper und großen Augen rechtfertigt sie ihn: "Es muss auch solche geben", mit einer Entschlossenheit, beredt und spröde, als hätte sich die Jungfrau von Orleans im Jahrhundert und Milieu geirrt.

So sieht man lange einer Tragödie der Missverständnisse zu, wo die eine wortlos begreift und der andere nichts – und Liebe in Schlägen artikuliert. Alle skizzierten Auswege aus der Elendsmisere sind keine, weil sie zu rückgratlosen Witzfiguren führen würden, und so schnell gibt ein Liliom seine Grundsätze nicht auf.

Selbst im Himmel, wo Liliom nach seinem Tod vor beflügelten Polizisten landet, der Polizeikonzipist von oben einschwebt und der Melancholieschatten dem satirischen Trockeneisnebel weicht, sind die Schicksale genormt. Liliom will nichts bereuen, erst nach 16 Jahren Feuer kehrt er für einen Tag auf die Erde zurück. Da sind die weißen Vögel auf Julies blauem Kleid zu kaum mehr sichtbaren Punkten geschrumpft, dafür mampft die erfolgsverheiratete Marie den Geburtstagskuchen. Liliom schlägt noch einmal zu, aber sein verschwitztes Gesicht, sein Zittern, seine Unsicherheit rufen: gerettet! Aus diesem Ende mit seiner Demonstration einer selbstlosen Liebe kriegt selbst Kraushaar das Gefühlige nicht verbannt. Aber ein bisschen Glaube, Liebe, Hoffnung schaden vielleicht auch nichts in einer verloren vor sich hindrehenden Welt.


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