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01.09.2012

K.WEST: Von unten

Volker Lösch inszeniert am Schauspiel Essen »Rote Erde«: der Regisseur als Volkstribun. Ein Porträt.

Label sind verführerisch, gerade bei einem Mann wie Volker Lösch. »Agit-Prop-Regisseur für Gehirnamputierte« hat man ihn höhnisch genannt. »Theater-Erneuerer« und »Spiel-Vogt« schallt es der Häme entgegen. Zugleich wird er als einer der politischsten Theatermacher in Deutschland geehrt: Bei der Nachfolgesuche für die Intendanz des Leipziger Schauspiels war er der Favorit der Expertenrunde (deren Votum die Stadt allerdings ignorierte). Jüngst wurde ihm der mit 13.000 Euro dotierte Lessing-Preis des Freistaats Sachsen zuerkannt. »In den Bürger-Chören seines Theaters erhalten die Übergangenen und Nichtbeachteten, die Marginalisierten und Ausgegrenzten eine eigene Stimme«, begründet die Jury ihr Votum.

Das dürfte auch auf seine Inszenierung zutreffen, die er derzeit am Grillo-Theater vorbereitet: »Rote Erde«. Anfang der 80er Jahre erzählten Peter Stripp und Klaus Emmerich in ihrer WDR-Fernsehserie die Geschichte des Reviers von unten – aus der Perspektive der Bergarbeiter um 1900 im täglichen Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Lösch setzt dem historischen Stoff eine heutige Fackel auf. Gecastet sind zwölf Männer aus der Krupp-Stadt, die von Ängsten, Wünschen und Träumen erzählen: »Der Bauer Bruno Kruska von heute (ohne große Schul- und Berufsausbildung) ist Hartz IV-Empfänger, ein Bearbeitungsfall fürs Jobcenter«, heißt es in der Ankündigung des Theaters.

Typisch Lösch: Der Bürgerchor – darin auch in der Tradition von Einar Schleef – wurde zu seiner propagandistischen und ästhetischen Waffe. Mit den wuchtigen Stimmen dieser »Experten des Alltags« (wie es bei der Gruppe Rimini Protokoll heißen würde) in ihrer außertheatralen Realität ergänzt er klassische Dramen sowie Roman- und Filmstoffe. Mit der »Orestie« in Dresden begann 2003 die Methode. Mit den »Dresdner Webern« nach Gerhart Hauptmann, während deren Auftritt eine Stimme sich in Mordfantasien gegenüber der Talkdame Sabine Christiansen erging, so dass das Stadttheater als Thema fürs Boulevard taugte und einstweilige Verfügungen der Gerichte nach sich zog, landete er einen Coup.

Ähnlichen Zunder lieferte sein »Marat, was ist aus unserer Revolution geworden« am Schauspielhaus Hamburg, als der Chor die Namen hanseatischer Millionäre verlas. Eine Denunziation? Die Kultursenatorin protestierte, die Inszenierung wurde 2009 zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Lösch dockt an der Wirklichkeit vor Ort an, da kann dann Lars von Triers brutales »Dogville«-Soziotop plötzlich im braven Stuttgart spielen. Wie ginge das im Ruhrgebiet anders als mit Überlegungen dazu, wie wenig die »Rote Erde« noch mit dem alten Grubenwesen zu tun hat? Dass sich an Außenseitern und Minderheiten der Stand einer sozialen Gemeinschaft ablesen lässt, zeigt Lösch, gewissermaßen der Wallraff des Bühne, seit eh und je. In Berlin arbeitete er mit Ex-Knackis und Prostituierten, in Uruguay mit Opfern der Diktatur, in Hamburg mit Kindern eines Problem-Viertels und Arbeitslosen.

Lösch will polarisieren. Seine Handschrift erfolgt mit geballter Faust. Die Thesen sind plakativ, die Lautstärke entsprechend. Mit psychologischem Feinsinn hat das wenig zu tun. Knallige Effekte und klare Bilder tun ihre Wirkung. Löch: »Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein netter Abend, wenn man schon beim Verlassen des Theaters über etwas anderes nachdenkt oder redet«. Er glaubt an die kathartische, befreiende Kraft des Theaters, an eine Irritation, »die einen weiterbringt«. Ein Erbe Erwin Piscators, der das Theater als »politisches Tribunal« begriffen und wirkmächtig benutzt hat.

Gewiss lässt sich Lösch Sozialromantik vorwerfen und sein (oft penetranter) pädagogischer Gestus. Auch im Gespräch bekommt man das Gefühl, sich die Zähne an seiner korrekten, humorlosen Wut auszubeißen: Wenn er seine Endlossätze so schnell spricht, dass es kaum eine Chance zum Nachhaken gibt, ohne unhöflich zu wirken. Gewünscht wäre ein kleines Zeichen von (Selbst-)Ironie.

Allein, hier empört sich jemand über die Welt, wie sie eingerichtet ist. Lösch hat ein Anliegen, unbeeindruckt von Kritik, modischen Trends und dem Unterhaltungsapparat. Selbst in seinen besten Arbeiten wie dem »Marat« macht einem der Ernst zu schaffen. Es scheint, dass ein szenischer Witz ihm höchstens mal unterläuft. Einmal fliegt Marat als Lenin-Statue ein, dann fragt der Chor: »Was ist denn aus unserer Revolution geworden?« Schon drillt der Animateur aus Reihe Eins die Mannschaft wieder mit Trillerpfeife und sinnlosen Spielchen, weil Massen unter Beschäftigungstherapie nicht auf dumme Gedanken kommen können.

Einem Grundsatz folgt Lösch treu: »Gruppen, die etwas erzählen sollen, müssen das auch wollen.« Als er an der Berliner Schaubühne Wedekinds »Lulu« mit Berichten echter Sexarbeiterinnen verschnitt, ging das auch deshalb daneben, weil der Laienchor mit Profi-Schauspielerinnen aufgefüllt worden war. Die ehemaligen Häftlinge, die er Franz Biberkopf in Döblins »Berlin Alexanderplatz«  gegenüberstellte, wirkten hingegen so überzeugend in ihrer Bitternis, dass man dem Abend manch eine Binse verzieh.

Aber es geht auch ohne Chor. »Natürlich sind mit Chören gesellschaftliche Dimensionen anders fassbar. Aber sie sind nicht nur dazu da, etwas zu repräsentieren, sondern um einen besonderen energetischen Punkt in Aufführungen darzustellen«, sagt Lösch. Die meisten seiner Inszenierungen seit 1995 funktionieren ohne dieses massive Element. Damals wechselte der Schauspieler Volker Lösch,  geboren 1963 in der Nibelungenstadt Worms und aufgewachsen in Montevideo, das Fach, das er zuvor in Weimar, Göttingen und Zürich ausgeübt hatte. Der Schritt erfolgte, weil er nicht ein einziges Mal bei einer Produktion beschäftigt war, »die dem nahe kam, was ich mir unter relevantem Theater vorstellte«. Seitdem inszeniert er querfeldein von Berlin bis Bern; auch in Bonn, Essen und  Düsseldorf wurde er schon aktiv.

Vielleicht ist Löschs größte Tat bislang jene, bei der es kaum um Kunst, sondern um politische Intervention ging: Stuttgart 21. Zahllose Reden hat Lösch, der zum Leitungsteam des dortigen Staatstheaters von Hasko Weber gehört, gehalten. Wer meint, dass sein Eifer nach dem Volksentscheid erloschen sei, irrt. Er hält diese Projekt für »so unsinnig, das wird gestoppt werden! Die Frage ist nur: wann?«. Man kann seine Argumentation auf Youtube in den Videos seiner Stuttgarter Auftritte nachverfolgen.

Wenn Hasko Weber 2013 nach Weimar wechselt, wird Lösch weiterhin bei ihm am Nationaltheater arbeiten: »allerdings nicht fest«. Mit Stuttgart ist Schluss, sagt Lösch und zeigt doch noch ein feines ironisches Lächeln: »Das ist jetzt schon überzogen, glaube ich.«


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