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11.08.2012

nachtkritik.de: Gutes Theater, schlechtes Theater, Theater vor Ort

Der Nord-Nordost-Schwerpunkt 2011/2012 – Eine Bilanz

Es ist aus. Vorbei. Nach einer Saison des besonderen Schauens geht unser vor knapp einem Jahr ausgerufene NORD-Schwerpunkt zu Ende. Dank der ZEIT-Stiftungkonnten wir ausführlicher als sonst in die nord- und nordostdeutsche Provinz schauen und so besonders jenen Theatern Aufmerksamkeit schenken, über denen das Beil der Sparwut und des drohenden Bedeutungsverlusts, ja, der Insolvenz und Schließung hingen und die wir unter normalen Umständen nur ein bis zwei Mal (wenn überhaupt) hätten besuchen können.

Untergehende Landschaften, sterbende Patienten?

Und nun, fast zwölf Monate später? Von Anfang an haben wir uns keine Illusionen gemacht: Vom Hinschauen allein, vom Kritisieren der Theaterarbeit vor Ort wird kein Haus gerettet. Aber vielleicht lässt sich nun etwas besser ermessen, welche Kulturlandschaft hier untergehen würde, striche man das Angebot radikal zusammen. Vielleicht lässt sich auch ersehen, wie eng einige Theater mit ihrem Umfeld, ihrem Publikum verwachsen sind.

Beim Blick auf die Texte des NORD-Schwerpunkts fallen zwei Dinge auf. Zum einen wird im Nord-Nordosten ähnlich gutes und schlechtes Theater gemacht wie in den meisten anderen Regionen der Republik. Es gibt Theater, da funktionieren Experimente besser als an anderen, es gibt Bühnen, die gehen gleich auf Nummer sicher und scheitern trotzdem. Zwischen subtilem Realismus und aufgesetzter Theatralik bewegen sich die Ästhetiken, die doch in den meisten Fällen zuerst eines wollen: Geschichten erzählen, die die Leute vor Ort etwas angehen.

Zum anderen: Neben der regionalen Zeitung, die hier meist ohne Konkurrenz ist, waren wir oft die einzigen, die hingeschaut haben. Glücklich die Häuser, die zwei oder mehr Stimmen sammeln können. Überregionale Zeitungen blicken anscheinend nur dann noch in diese Ecke, wenn es gilt, dem sterbenskranken Patienten den Puls zu fühlen. Gelegentlich gibt es erste regionale Blogs und Online-Magazine: In Nordvorpommern blickte etwa der Fleischervorstadtblog dem Intendantenwechsel auf die Finger, in Rostock beleitet die Internetzeitung Das ist Rostock.de auch das Volkstheater kritisch. Kulturpolitisch geben sie leidenschaftliche Impulse (über deren öffentliche Wahrnehmung sich nur spekulieren lässt); Kritiken finden sich selten.

Krimi Kulturpolitik

Ohnehin sind die kulturpolitischen Entwicklungen oft der spannendere Krimi. Während es um die Häuser in Schleswig-Holstein ruhig geworden ist, scheint sich mit dem neuen Kultusminister in Meck-Pom die langwierige Geschichte nur mäßig an den performativen Künsten interessierter Ressortleiter fortzusetzen. Mathias Brodkorb ließ etwa Fragebögen an die Theater verschicken, die in erschreckender Naivität Punkte abfragen, die einem obersten Dienstherren der Häuser bekannt sein müssten. Falls Brodkorb aus ihnen gelernt hat, wäre die Sache dennoch sinnvoll – die entscheidende, über Leben und Sterben der Theater entscheidende Reform der Kulturlandschaft steht noch aus.

Kein gutes Vorzeichen ist dabei, dass die Theater im Nordosten immer noch lieber leidenschaftlich gegeneinander streiten als miteinander – Meldungen wie diese sind kein Einzelfall. Daneben wurden in der vergangenen Saison etliche Weichen gestellt: In Rostock, Mecklenburg-Vorpommerns einziger wachsender Stadt, wird der bisherige Intendant nach der kommenden Spielzeit nicht weitermachen, dafür wurde für 2018 ein Theaterneubau beschlossen und mit Cornelia Crombholz ab 2013 eine neue Schauspielchefin gewonnen. Die Theater in Greifswald und Stralsund haben jetzt ebenso eine neue Leitung wie die in Neustrelitz/Neubrandenburg.

Start mit Bart

Hier hat der Start allerdings hat einen Bart: Wolfgang Bordell, der seit 1983 (!) in Anklam residiert, übernimmt als Schauspielchef nun auch noch das Doppeltheater in Ostmecklenburg. Seit der Wende privatisierte er die abwicklungsbedrohte Bühne und eroberte sukzessive die Ostseeküste zwischen Stralsund und Anklam. Sein energiegeladenes Volkstheater mit klaren Aussagen bleibt nah dran an der Erwartung des Publikums; mit mehreren Laiengruppen und den Eleven seiner Schauspielakademie kann er weiträumig operieren und auch große Spektakel stemmen. Dementsprechend beeindruckend sind seine Auslastungszahlen. Dass er in Neustrelitz bislang den Schwank "Ein Haus in Montevideo" herausbrachte und als zweite Premiere der neuen Saison "Die Olsenbande dreht durch" aus seinem Stammhaus übernehmen wird, lesen sich eher als Indizien für eine Ausweitung seines Systems als für eine eigenständige Schauspielsparte.

Natürlich werden wir uns bemühen, diese Entwicklungen im Blick zu behalten und die wichtigsten Premieren in unsere Monatspläne aufzunehmen. Damit die lokalen Politiker sich bei ihren Entscheidungsfindungen auch weiterhin beobachtet fühlen. Damit die Theatermacher wissen, dass ihre Arbeit auch jenseits der regionalen Schwelle wahrnehmbar ist. Und natürlich, damit Sie nachverfolgen können, was und wie im Norden gespielt wird.

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