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12.09.2012

nachtkritik.de: Es versteht ja keiner

Buchhinweis September: Karel Čapek:Wie ein Theaterstück entsteht. Unions-Verlag 2012.

"Wir wollen hier keineswegs den fälschlichen Eindruck erwecken, als verstünden wir das Theater", warnt Karel Čapek gleich zu Beginn: "Fakt ist, dass niemand das Theater versteht, weder die auf den Brettern in Ehren Ergrauten noch der älteste Direktor, ja nicht einmal die Kritiker." Stimmt. Dennoch hat sich Čapek, der tschechische Journalist, Schriftsteller, Dramatiker und Dramaturg 1925 die Mühe gemacht, es in "Wie ein Theaterstück entsteht" zu erklären. Mit sanfter Ironie, melancholischem Blick und satirischen Zuspitzungen plaudert sich Čapek unterhaltsam und am Beispiel eines jungen Dramatikers und seines Stücks durch Probenkatastrophen bis zur Premiere. Nebenbei erklärt er knapp alle damaligen Gewerke und Etagen vom Intendanten bis zum Möbelträger.

Was auch heute seine Wirkung nicht verfehlt, da niemand mehr von Rollenfächern spricht und der Theaterbote längst eingespart ist. Weil Čapek die Seele des Ganzen trifft, dieses merkwürdige Amalgam aus Chaos und Ordnung, Hysterie und Aktenverwaltung, Kunstgewerbe und Genie. Die karikaturhaften Zeichnungen seines Bruders Josef machen das Büchlein zur Preziose, zum Geschenk auch für die, die das Theater (heute) eher aus der Distanz lieben.

Ein kleines Wunder, dass der sonst nicht sonderlich theateraffine Unionsverlag das Werk wiederentdeckt und so altmodisch-schön ediert hat. Ein größeres bleibt das Theater selbst: "Wenn sich abends um acht Uhr der Vorhang hebt, dann sei man sich bewusst, dass dies ein glücklicher Zufall oder geradezu ein Mirakel ist."

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