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16.09.2012

nachtkritik.de: Die Trickkisten des Verführers

"Don Juan" – René Pollesch feiert an der Volksbühne als Abschluss der Molière-Trilogie die Liebe, das Leben und das Theater

Martin Wuttke, wer sonst. Seit Ewigkeiten ist er Arturo Ui, der Verführer aus Machtlust, neulich war er Platonov, der Verführer aus Langeweile. Und nun also Don Juan, legendärster aller Süßholzraspler und Flachleger. Wobei er in erster Linie uns um den Finger wickelt (auf der Bühne fallen ohnehin alle ständig übereinander her), da reicht schon sein erster Auftritt in Glitzermaske, schwarzer Mob-Perücke und Brillant-Collier.

Lob des Tabaks im Zeitalter der Uneigentlichkeit

Wuttke aber auch deshalb, weil so das Konzept geht bei der Molière-Trilogie der Volksbühne: erst Wuttke als der Eingebildete Kranke, von ihm höchstselbst inszeniert, dann Wuttke als Der Geizige bei Frank Castorf, und jetzt als René Polleschs Don Juan. Wobei man sich fragen kann, was der noch mit dem französischen Klassiker zu tun hat und seiner 1665 uraufgeführten, damalige Genregrenzen sprengenden Komödie. Geblieben sind Namen, Don Juans Hang zum Monologisieren, das Lob des Tabaks. Und die Nähe von Lachen und Tod.

Womit Pollesch seinen ein paar Jahrhunderte älteren Autorregiekollegen dann vielleicht doch besser getroffen hat als Wuttke und Castorf zuvor. Was soll uns heute auch das Original, da die Titelfigur, die nicht an Gott, dafür aber an die Liebe glaubt (und Lust meint), längst nicht mehr der Außenseiter ist, sondern Mainstream? Da fehlt's an Fallhöhe. Also macht Pollesch, was er immer macht: Er rupft sich aus der Vorlage, was er braucht, um seine endlose, ortsunabhängige Komödie im Zeitalter der Uneigentlichkeit weiterzuspinnen und auf dem gut geseiften Bühnenparkett Pirouetten drehen zu lassen.

Nachruf zu Lebzeiten

Und das hat hier mehrfach Klasse. Weil Wuttke und die andern saukomisch sind: Sie bespringen und begrabbeln, küssen und verknäulen sich, ein omni-potenter Haufen ewiger Erregtheit. Wuttke raucht (schließlich mache die Schädlichkeit der Zigarette Dinge "erhaben"), Maximilian Brauer öffnet hustend das Fenster von Bert Neumanns kassettiertem Bühnenfragment, das vom "Geizigen" übriggeblieben ist – dahinter glänzt wieder nur poliertes Holz. Lilith Stangenberg stöckelt mit endlosen Beinen herum, Wuttke, ohne seine Plateau-Schuhe ohnehin schon einen Kopf kleiner, schrumpft an ihrem Rockzipfel in sich zusammen, da raunzt sie in an: "Erzähl du mir nichts von Größe!"

Sie alle gestikulieren ungelenk im Argumentationsmodus herum, leiern den typischen Pollesch-Sprech mit entzückender Penetranz und wirken dabei so zerbrechlich, dass sämtliche Beschützerinstinkte alarmiert werden. Was auch daran liegen könnte, dass in "Don Juan" die Angst vor der Endlichkeit mit einer Vehemenz pulst, wie man sie so noch nicht von Pollesch kannte. Ein wunderbarer Exkurs führt zu Wuttkes Premieren-Ausfall im Juni als Geiziger, sein "größter Erfolg", weil er zugleich da und nicht da war und eine Empathie unter den Zuschauern auslöste, die sein Erscheinen nie gehabt hätte. Und dann die Artikel über seinen Zusammenbruch, die alle klangen wie die längst in den Redaktionsschubladen schlummernden Nachrufe...

Von Heterotopie bis Heterosexualität

Nie war der Tod näher im Volksbühnen-Molière-Projekt (wiewohl nachdrücklich herbeizitiert auch in den andern Trilogie-Teilen), nie erschreckender – und komischer. So ist das erstaunlichste an diesem Abend vielleicht, dass einem unerwartet jenes Memento mori ins Lachen fährt, das zuvor nur behauptet wurde. Die Sehnsucht nach der (Über-)Lebenskunst schiebt sich in den Vordergrund: intensiv oder lang? Dazu hängen giftgrüne Gerippe als fröhliches Rockertrio in den Marionettenseilen.

Was aber bleibt? Die Liebe. Gut verpackt in Polleschs travestierender Komödien-Theorie, oft verschluckt von treffenden Kalauern wie dem von der Heterotopie und der Hetero-Sexualität (im Sinne von pluralen Sexualitäten), strahlt sie zwischen den Zeilen. Diese Zärtlichkeit war schon bei Kill your Darlings erstaunlich. Sie bleibt es auch jetzt – und zugleich aufs Angenehmste Theater. Schließlich wird hier Komödie gespielt in ihrer höchsten, reinsten Form: die, die um das Ende weiß. "Ich hab groß davon gedacht, dass man das Glück spielen kann", sagt Wuttkes Don Juan einmal. "Dass man um das Glück spielen kann, und gewisse Tricks braucht. Weißt du, ich war der, der niederkniete wie zum Gebet, und der dadurch glaubte." Und wir, wir glauben auch: an das Glück der Komödie.


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