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01.10.2012

amnesty journal: "Unser Geist ist belastbar"

Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Priya Basil über ihr Buch »Die Logik des Herzens«, Religion und den Kampf gegen Waffen.

In Ihrem Roman »Die Logik des Herzens« geht es um Anil und Lina, deren Liebe wegen ihrer unterschiedlichen Herkunft, vor allem aber wegen ihrer Religion – er ist reicher Sikh, sie Mittelstands-Muslima – vor große Herausforderungen gestellt wird. Letztlich handelt es sich um eine typische »Romeo und Julia«-Konstellation. Warum?
Weil es unglücklicherweise immer noch eine so alltägliche Geschichte ist. Selbst heute, wo wir uns so fortschrittlich vorkommen, bleibt diese Art von verbotener Liebe etwas, was so viele Menschen betrifft und verletzt. Deshalb kommt sie mir auch ­aktuell vor. Diese Konstellation ermöglicht es mir zudem, den Glauben zu erkunden, vor allem den Islam. An Religionen beunruhigt mich, dass sie das Verhalten von Menschen beeinflussen, selbst wenn es ihren persönlichen Gefühlen widerstrebt. Zum Beispiel Linas Vater Sharif: Er leidet unter seiner Entscheidung, Lina vor die Wahl zu stellen, entweder der Familie zu folgen oder dem Geliebten. Dennoch besteht er auf den religiösen Regeln.

Sie sind Atheistin, dennoch schreiben Sie sehr warm über Sharifs Glauben. Wie haben Sie sich in ihn hineinversetzt?
Eine Schlüsselrolle spielte ein BBC-Gespräch mit dem Erzbischof von Canterbury, Rowan Williams, und dem Oxford-Professor für Islamwissenschaften, Tariq Ramadan. Die beiden waren von einer derartigen Bescheidenheit, Demut und Menschlichkeit! Beide haben mich beeindruckt und mir gezeigt, dass es einen sehr stillen Weg gibt, ein religiöses Leben zu leben. Das ist ein starker Kontrast zu der oft schrillen Art, wie der Diskurs über Religion nach dem 11. September 2001 geführt wurde. Ich denke, dass so die meisten gläubigen Menschen leben – in dieser Unvoreingenommenheit, Bescheidenheit, in dem Versuch, einem Ideal nachzuleben.

Sie sind in einer Sikh-Familie aufgewachsen, die nicht wirklich religiös war, aber dennoch genaue Ansichten darüber besaß, wie Ihr idealer Partner auszusehen hätte – und die Sie dann nachhaltig enttäuschten. War dieses Erlebnis die Keimzelle des Romans?
Sicher haben persönliche Erfahrungen beim Schreiben eine Rolle gespielt. Der eigentliche Anstoß, diesen Roman zu schreiben, war aber, zwei Menschen verschiedener Religionen zusammentreffen und sich in einander verlieben zu lassen und zu sehen, wie sich ihre Leben entwickeln, wenn es so viele Widerstände gegen ihre Beziehung gibt – und dieses Szenario mit einem breiteren politischen Kontext zu unterfüttern. Deshalb unterscheiden sich die beiden nicht nur in ihrem Glauben, sondern auch in ihren Werten, also in der Frage, wie man leben und wie viel man der Gesellschaft geben will.

Während Anil als Sohn reicher Eltern seiner Architektenkarriere nachgeht, arbeitet Lina für die UNO im Sudan. Dafür wirkt sie erstaunlich naiv. Sie sieht nur das, was sie auch sehen will, und verdrängt zum Beispiel lange die Frage, ob Anils Vater in illegale Waffengeschäfte verwickelt sein könnte.
Ihr Charakter lässt sich nicht nur aus der schwierigen Situation heraus erklären, in der sie wegen des Menschen steckt, den sie liebt. Sie hat Probleme damit, Entscheidungen zu treffen, ist oft passiv und wartet darauf, dass Dinge für sie entschieden werden. Interessant ist das vor dem Hintergrund ihrer konfliktbeladenen Arbeit, bei der sie ausgesprochen harten Situationen ausgesetzt ist. Ich wollte sehen, wie sich so ein Charakter verhält, wenn er durch die Umstände gedrängt wird. Wie lange schafft sie es, Entscheidungen auszuweichen und keine Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen? Sie schafft es jedenfalls ziemlich lange, über die meiste Zeit des Romans.

Im Rahmen der Initiative »Control Arms« sind Sie stark im Kampf gegen den illegalen Waffenhandel engagiert. Lina fragt an einer Stelle des Buches: Ist es nicht wichtiger, zuerst den Hunger zu besiegen?
Natürlich gibt es Situationen, in denen Hunger das dringendste Problem ist. Aber wenn man sich den illegalen Waffenhandel näher ansieht, wird klar, dass er eine der Wurzeln von Konflikten und auch von Hunger in der Welt ist. Wenn man bedenkt, dass ein Fünftel aller Schulden der Entwicklungsländer auf Waffenkäufe zurückgehen, ist das ziemlich schockierend. Ohne Sicherheit ist alles andere ebenfalls instabil. Deshalb ist die Arbeit von Organisationen wie »Control Arms« so wichtig: Petitionen zu erstellen, Lobbyarbeit beim Parlament zu betreiben und Grundlagenwissen zu verbreiten, damit die Menschen informiert sind, wie ihre Regierungen sich verhalten. Während des Arabischen Frühlings gab es zum Beispiel regelmäßig Berichte darüber, dass die britische Regierung Geräte zur Bekämpfung von Menschenmengen an Staaten verkaufte, die ihr Volk unterdrückten.

2010 haben Sie »Authors for Peace« gegründet, eine Plattform, über die sich Schriftsteller aktiv für den Frieden einsetzen können. Ist die Annahme, dass Literatur Frieden schaffen kann, nicht ziemlich optimistisch?
Es ist optimistisch, aber ich finde nicht, dass daran etwas falsch ist. Außerdem heißt das ja nicht, dass unser Engagement sofort erfolgreich ist. Aber Literatur ist ein wichtiger Ort, an dem wir uns eine eigene Meinung über Dinge bilden können, ein Medium, das uns in andere Welten entführt. Natürlich kann Literatur auch didaktisch sein oder manipulieren. Aber sie kann ebenso gut eine Gesellschaft skizzieren, für die es sich zu kämpfen lohnt, existierende Probleme beschreiben und die kritische Wahrnehmung schärfen. Dieser Geist ist letztlich der von Freiheit und Frieden.

Wie viele Helfer trifft auch Lina auf unermessliches Leid vor Ort. Im Roman wird die Frage gestellt: Wie ist es möglich, nach so einer Erfahrung jemals wieder glücklich zu sein?
Wir Menschen haben eine interessante Art, Dinge zu verarbeiten und zu rechtfertigen. Unser Geist ist belastbar. Außerdem findet Lina da draußen ja auch viel Gutes und spürt die Effekte ihrer Arbeit. In kleinerem Maßstab gilt Ähnliches für Ärzte: Sie werden mit dem Tod konfrontiert, treten aber dennoch immer wieder für das Leben ein.


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